Glaubensfragen

Nachdem du gestorben warst, mein Schmetterling, kamen eine Menge Fragen für mich auf. Wenn es einen Gott gibt, warum hat er das zugelassen? Warum lässt er zu, dass Kinder Krebs bekommen und Sterben? Es gibt so viel Leid auf der Welt, warum wird das zugelasssen? Am zweiten Tag nach deinem Tod, eine ganze Weile bevor du eingeäschert wurdest, kam unser Pfarrer zu uns. Wir hatten ihn angerufen. Er hatte uns getraut. Taufen konnte er dich nicht, mein Schmetterling, denn ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt war er im Urlaub gewesen. Aber er sollte deine Trauerfeier abhalten. Ich habe meine eigene Beziehung zur Kirche und meine Erfahrungen waren selten positiver Natur, mit dieser sehr großen und leuchtenden Ausnahme. Als er zu uns kam, war er einfach menschlich. Keine Platitüden, kein Schnickschnack. Keine leeren Worthülsen und kein Unsinn. Ich habe geweint und gesagt: „Wenn es einen Gott gibt, dann muss er uns hassen.“ Und es kam kein leeres Gerede im Sinne von „Gott liebt alle Menschen“. Nichts dergleichen. Er hat mich nur traurig angesehen, mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass es Sachen gibt, die er nicht verstehen kann. Die wir alle nicht verstehen können. Und an diesem Abend war er einfach da. Er hat sich mit uns deine Bilder und Videos angesehen, er hat mit uns gelacht und er hat mit uns geweint. Er war voller Trauer um dich, obwohl er dich nie kennen lernen durfte. Er war so menschlich, wie jemand nur sein kann. Und er hat uns geholfen, deine Beerdigung zu planen. Er half, unsere Vorstellungen und Wünsche in die richtigen Wege zu leiten. Er hatte wunderschöne Ideen. Der Besuch schenkte uns Kraft und tankte uns auf. Ich habe meine eigene Vorstellung zum Thema Gott. Ich habe mich vom Allmächtigkeitsgedanken verabschiedet, seitdem uns das passiert ist. Ich glaube, dass er unsere Entscheidungen beeinflussen kann, wenn wir ihn lassen. Ich glaube, dass er nichts Böses für uns will. Aber ich glaube auch, dass er manchen Dingen ebenso hilflos gegenübersteht wie wir. Dass er uns manchmal einfach nicht helfen kann, weil es nicht geht. Ich glaube nicht, dass er dich hätte Sterben lassen, mein Schmetterling, wenn er die Wahl gehabt hätte. Aber ich glaube, dass er froh war, dich zurück zu haben. Mir hat jemand Worte geschrieben, die mir noch jetzt die Tränen in die Augen treiben. Sie schrieb: „Ich habe Mika nicht persönlich gekannt, aber du beschreibst die Erlebnisse so lebendig, dass jeder weiß, was für ein wundervoller kleiner Mensch er gewesen ist. Dass man fast schon versteht, weshalb ihn „da oben“ jemand schnell wieder zurückhaben wollte, weil er seine kleine Seele derart vermisst hat.“ Jetzt müssen wir dich für immer vermissen, mein Schmetterling, aber ich bin sicher, dass du dort wo du jetzt bist, ebenso geliebt wirst wie hier bei uns.

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