Besuch

Das zweite Zeichen, das ich von dir bekam, war kurz nachdem wir wieder zu Hause waren, kurz nach deinem Tod. Nicht sofort, ein paar Tage später. Ich habe viel geschlafen, war so müde. Trauer macht unendlich müde, sie ist schwer und drückt dich nieder, sodass man nur schlafen will. Am liebsten immer schlafen. Nur nicht wach werden. Im Schlaf konntest du noch bei mir sein, mein Schmetterling. Ich hätte gern für immer geschlafen, nachdem du fort warst. An dem morgen schreckte ich hoch, plötzlich, von einem Moment auf den anderen, war ich wach. Ich fühlte an meiner Seite, war ich doch sicher, mich auf dich gelegt zu haben. Konnte dich nicht fühlen. Fühlte auf meiner anderen Seite. Auch da warst du nicht. Hektisch setzte ich mich auf und schlug die ganze Decke zurück, aber du warst nicht da. Natürlich nicht. Aber ich war nicht traurig, sondern ich war erleichtert in dem Moment, weil ich wusste, dass ich mich nicht auf dich gelegt hatte. Eigentlich ganz normal. Aber ein paar Dinge, machen die Begebenheit seltsam. Warum habe ich dich in meinem Bett gesucht? Du hast schon lange in deinem Beistellbett an meiner Seite geschlafen. An dieser Stelle hätte ich dich suchen müssen. Desorientiert war ich auch nicht, was man vermuten mag, so direkt nach dem Aufwachen. Aber mir war klar, dass wir zu Hause waren und nicht im Krankenhaus. Und deshalb war mir eigentlich auch klar, dass du normalerweise nicht im Bett gelegen hättest. Wenn ich dich morgens zu mir rüberholte zum Kuscheln, dann bin ich nie mehr richtig eingeschlafen, höchstens etwas gedöst habe ich noch mit dir an meiner Seite. Warum also war ich so sicher, dass du bei mir im Bett lagst? Ich glaube ich kenne die Antwort. Man sagt, wenn man von einem verstorbenen lieben Menschen träumt, dann ist es, weil man in der Nacht Besuch bekommen hat. In der Nacht sind wie viel offener im Geiste und vielleicht können wir unsere lieben dann spüren. Ich bin mir sicher, du hast dich zu mir gelegt, mein Schmetterling. Dich nah an mich gekuschelt und hast ein Weilchen bei mir gelegen. Die Vorstellung finde ich sehr schön. Natürlich kann es auch Zufall gewesen sein. Aber ich werde noch ein paar Mal über Zufälle sprechen, und ich glaube nicht mehr daran. Irgendwann ist ein Zufall einfach einer zu viel.

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