Ruhestätte

Wenn jemand stirbt gibt es immer schrecklich viel zu organisieren. Und das, obwohl man kaum Kraft hat, morgens überhaupt aus dem Bett aufzustehen. Deine Oma war jeden Tag bei uns am Anfang, kleiner Schmetterling, um zu helfen wo sie konnte. Ob bei den kleinen oder den großen Dingen, ganz egal. Wir fuhren zum Bestatter, um die ersten Dinge zu besprechen. Deine Überführung aus dem Krankenhaus, die Abläufe, deine letzte Ruhestätte. All diese Dinge galt es zu besprechen. Zeitlich verschwimmen die Reihenfolgen in meinem Kopf, die Beschreibungen sind möglicherweise nicht mehr präzise. Es ist interessant, was die Trauer mit dem Gedächtnis macht. Vor allem, weil ich deine Geschichte erzählte – wieder und wieder und wieder. Deinen Abschied. Wie tapfer du warst. Von deinem letzten Lächeln. Ich erzählte es so oft, dass es mir vorkam, wie ein Märchen, schon lange weitergegeben von Generation zu Generation. Eines war klar: du solltest nicht auf dem Friedhof liegen. In unserer Umgebung gibt es zwei Wälder: einen Friedwald und einen Ruheforst. Dein Schmetterlingspapa fuhr in den Ruheforst und schaute sich dort um, aber er war ihm zu dunkel. Du solltest im Licht liegen, hell und freundlich solltes es sein. Gemeinsam fuhren wir in den Friedwald. Es war ein schöner und sonniger Tag. Wir wollten uns den Sternenkinderbaum ansehen. Und da hatten wir eine interessante Begegnung. Ausgerechnet dort, von allen möglichen Stellen im Wald, nur ein paar Bäume entfernt, kniete eine weiß gekleidete Frau am Boden und weinte. Trauerte um ihr Kind. Wir sprachen mit ihr. Auch sie hatte ihren erstgeborenen Sohn verloren. Auch er hatte eine Hirnstammverletzung und auch sie musste die Entscheidung treffen, ihn gehen zu lassen. Es war ein Unfall, aber die Geschichte war so ähnlich, so nah, dass ich glaube es war kein Zufall, dass sie genau an diesem Moment an genau dieser Stelle trauerte. Sie umarmte mich und wir weinten gemeinsam um unsere Kinder. Der Sternenkinderbaum war ein großer Baum, weit ab vom Weg, krumm und an einer dunklen Stelle. Er sprach nicht zu uns. Deshalb suchten wir weiter, irrten eine Weile herum. Und dann sah ich ihn. Deinen Baum. Er schrie mich förmlich an. Ein kleiner, heller Baum, inmitten einer Lichtung, angestrahlt von heller Sonne.

Mikas Baum im FriedwaldDas war dein Baum. Es war sofort klar. Hier konntest du in der Sonne liegen, hell und freundlich war es. Ich sprach mit deinem Schmetterlingspapa und die Entscheidung war schnell gefallen. Ein kleiner Feldahorn, sagte uns der Förster. Baum des Jahres 2015, wie wir erfuhren. Welch seltsame Fügung. Ein Familienbaum ist es, mein Schmetterling. Wenn wir diese Welt verlassen und in deine wechseln, dann werden unsere Hüllen Seite an Seite von deiner liegen. Dein Schmetterlingspapa wird zu deiner linken liegen und ich zu deiner rechten. Es ist tröstlich zu wissen, dass wir im Tod wieder vereint sein werden, sowohl körperlich als auch im Geiste. Und ich weiß, so lange wirst du geduldig auf uns warten.

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