Aussegnung

Am nächsten Tag – zumindest glaube ich, dass es der nächste war, aber die Tage verschwimmen in meinem Kopf zu einer undeutlichen Masse aus Tränen und Hilflosigkeit – gab es eine Aussegnung für dich, mein Schmetterlingsjunge. Es war so schwer für mich, Abschied von deinem kleinen Körper zu nehmen nach deinem Tod. Ich hatte doch alles an dir geliebt, jeden Zentimeter, und du warst so wunderschön. Aber die Aussegnung sollte mir dabei helfen. Sie wurde von der Pfarrerin durchgeführt, die dich auch getauft hatte. Sie war schockiert als sie hörte, dass du gestorben warst, und sie war mit uns gemeinsam sehr traurig. Sie organisierte alles. In deinem Krankenhaus gab es einen speziellen Raum für diese Aufgabe. Du lagst noch nicht in einem Sarg und deshalb war es nicht so einfach, aber die Pathologen fanden eine Lösung für dich. Du wurdest, in die Decke gewickelt wie du warst, in ein Bettchen gelegt. Sie drapierten einen blauen Samtstoff mit goldenen Sternen über die Gitter, damit man sie nicht so sehr sah. Sie hatten die Stillkette mit deinem Namen auf deinen Bauch gelegt und all deine Spielsachen um dich herum. Deinen Teddy behieltest du im Arm. Rote Rosenblätter waren auf dem Bett und deiner Decke verteilt. Ich hatte viel Angst davor, vor dem was mich erwartete. Ich hatte Angst, dass du schlimm aussehen würdest, fremd und tot. Dass deine Haut verfärbt wäre. Oder dass du riechen würdest. All diese Vorstellungen waren in meinem Kopf. Aber nichts war anders zu vorher. Du warst mein wunderschöner kleiner Schmetterlingsjunge. Mein über alles geliebtes Kind. Immernoch. Nur kalt warst du, ganz kalt. Ich wischte das Kondenswasser von deinem Gesicht. Es glitzerte. Ich streichelte und küsste dich und du warst kühl und weich. Du wohntest nicht mehr in diesem Körper. Du hattest ihn verlassen. Das wurde mir ganz klar, als ich dich so daliegen sah. Du warst jetzt woanders, er war nicht mehr dein Heim. Er war defekt und du brauchtest ihn nicht mehr. Zwei deiner Omas waren da, ein Opa und dein Onkel. Die anderen Großeltern, Tanten und Onkel schafften es nicht, denn es war sehr kurzfristig. Wir alle sagten dir noch Abschiedsworte. Wie sehr wir dich liebten. Versprachen dir, dich nie zu vergessen. Und wieder kam dein Taufspruch, und er machte mir Gänsehaut: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Du warst wieder Sein, wir hatten dich zurückgeben müssen. Man sagt der Tod eines geliebten Menschen ist die Rückgabe einer Kostbarkeit, die Gott uns nur geliehen hat. Und dein Opa versprach dir etwas ganz wichtiges, und wir alle wiederholten sein Versprechen: Wenn du uns brauchst, dann kannst du uns holen kommen. Jeder einzelne von uns steht hinter diesem Versprechen. Ich mache ohne dich weiter so gut ich kann, mein Schmetterling, an jedem noch so schweren Tag. Ich werde stark sein für dich. Aber solltest du mich eines Tages brauchen, dann werde ich kommen. Ich stehe jederzeit an deiner Seite. Lass es mich nur wissen, und ich werde da sein.

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