Zu Hause?

Dann fuhren wir nach Hause. Irgendwie war das Krankenhaus innerhalb des Monats mein zu Hause geworden, ich habe es nie verlassen, und es war das schrecklichste Gefühl, zu fahren und dich nicht dabei zu haben. Nach Hause? Nichts ist ein zuhause ohne dich. Wir haben keine Sachen gepackt, das hat zum Glück unsere Familie für uns übernommen, wir sind einfach gefahren. Als wir ankamen war es wie ein schlechter Film. So viele Klischees haben sich in der Zeit im echten Leben gezeigt. Unsere Vermieter wohnen im gleichen Haus und sie kannten Mika gut und haben uns so viel geholfen in der Zeit – unsere Tiere versorgt, Dinge gebracht, mein Auto abgeholt, dafür gesorgt, dass wir im Krankenhaus Internet hatten… unersetzbare Dinge in so einer Zeit. Sie sind selbst Eltern. Und als wir aus dem Auto ausstiegen, stand die Frau auf der Terasse vor dem Haus und sah, dass wir allein waren. Und ihr wurde klar, was passiert war. Sie schaute mich an und sagte nur: „Nee ne? Nee ne? Scheiße!“ Und dann hat sie mich in den Arm genommen und wir haben gemeinsam geweint. Dann mussten wir hoch, in unsere schrecklich leere Wohnung, wo jeder Raum deine Spuren trug und deinen Namen schrie, ohrenbetäubend laut. Ich habe mich ins Bett gelegt. Ich wollte nichts mehr hören und sehen. Ich weiß nicht mehr, ob deine leere Wiege noch dort stand, oder ob sie schon abgebaut war, schnell bevor wir kamen, aber der Platz schaute mich vorwurfsvoll an. Dein Schmetterlingspapa räumte deine Sachen weg, in jedem Raum, zusammen mit deinen Großeltern. Er konnte diese schwere Aufgabe meistern. Dafür hatte ich die Kraft nicht. Ich lag nur da und innerlich fühlte ich mich tot. Die Gedanken sind unbeschreiblich. Jeden Tag soll es jetzt so sein? Jeden Tag muss ich in diese leeren Zimmer schaun, sehen wo du sein solltest und wo jetzt nichts ist? Jeden Tag muss ich diese Trauer und dieses herzzerfetzende Vermissen aushalten? Das kann ich nicht. Niemals. Ich kanns nicht und ich will es nicht. Ich wollte einfach nur zu dir. Wozu weitermachen? Ohne Aufgabe? Ohne jemanden, der mich braucht? Ich hatte keinen Hunger, ich hatte keinen Durst, noch tagelang nicht. Ich war einfach nur müde, so schrecklich, unendlich müde und erschöpft. Jede Aufgabe wird so schwer, die kleinste Alltagsverrichtung wird fast unmöglich. Aufstehen. Sachen aussuchen, die man tragen will. Duschen. Essen machen. Aufräumen. Man ist wie gelähmt und das Gewicht des Verlusts drückt einen zu Boden. Schwer wie Blei. Dein Schmetterlingspapa hat etwas tolles gemacht, denn er hat im Wohnzimmer eine kleine Stelle mit deinen Sachen stehen lassen. Da liegen Spielsachen, ein Nuckel. Deine Fotos stehen dort, eine Socke liegt da. Dein Fußabdruck. Eine Kerze, die kleine Wassermannkette, die du nie getragen hast. Dein Halstuch. Und jeden Abend, wenn es dunkel wird, brennt dort ein Licht für dich. Von dem Tag an bis heute, und es wird eines brennen so lange wir leben.

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