Fort

Nachdem wir den ersten Zusammenbruch hinter uns hatten, mussten Dinge getan werden. Dein Schmetterlingspapa suchte dir die hübschesten Anziehsachen heraus und dann begannen wir, dich herauszuputzen. Den vollgespuckten Body ab. Dein Schmetterlingspapa konnte nicht weitermachen, es war zu schwer, zu schlimm wie schlaff du warst und wie leblos. Ich habe ihm gesagt, dass es okay ist. Man muss nichts tun, was die eigene Kraft übersteigt. Er hat deine Sachen ausgesucht und ich habe dann weitergemacht, jeder macht das, was er aushält. Zusammen mit der Schwester, die sich zu uns setzte und mit uns um dich geweint hat, habe ich dich fertig gemacht. Sie hatten dich alle so lieb gewonnen, mein kleiner Junge, und es wurden viele viele Tränen um dich vergossen. Wir machten deine Windel ab und ich putzte dich ein letztes Mal sauber. Albern eigentlich, es war ja nur Pipi drin und das sieht man nicht und dir war es vielleicht sowieso egal, aber ich konnte es nicht ertragen mir vorzustellen, dass du nicht sauber warst. Dann haben wir dir einen schicken Jeansanzug mit Streifen angezogen, warme Socken, deine coole graue College-Kapuzenjacke die wir so an dir geliebt haben. Und du hast das schickste Flatcap der Welt aufgesetzt bekommen, aus petrolfarbenem Cord. Eine Freundin hatte es dir geschickt, denn sie weiß wie es ist, wenn man eine Chemo bekommen muss. Ich hätte dich so gern damit herumlaufen sehen. Du sahst richtig schick aus. Dann haben wir dir deine liebsten Spielzeuge mitgegeben: Monsieur Hasehase, deine Mikakette, deinen Teddybär, all die Dinge, mit denen du so gern gespielt hast. All deine Schutzengel, die du im Krankenhaus bekommen hast. Wir haben dich zusammen mit ihnen in deine Kuscheldecke gewickelt, und dann habe ich dir deinen Schnuller zurück gegeben. Während des Sterbens hast du ihn nicht gebraucht, aber weil er im Krankenhaus so wichtig für dich wurde, wollte ich, dass du ihn zum Trost bei dir behalten kannst. Seltsam welche Gedanken einem kommen. Wie wenig man verstehen kann, dass solche Dinge dann keine Rolle mehr spielen. Dann haben wir Bilder von dir gemacht. Das mag seltsam anmuten, aber wir wollten jeden Moment von dir in Erinnerung behalten, also auch den letzten. Die Ärztin kam und sagte uns wir dürften dich nicht mit dem Brovi begraben. In meinem Kopf gingen sofort Horroszenarien los: herausschneiden. Das Reservoir aus dem Kopf auch. Schändung deines müden kleinen Körpers. Aber wir mussten ihn nur mit der Schere abschneiden und das Reservoir durfte drin bleiben. Dann hatten alle die Möglichkeit, dich noch einmal zu sehen, Abschied zu nehmen, dich zu küssen und zu umarmen und dir zu sagen, wie sehr wir dich lieben. Und dann musste ich dich abgeben. Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten: du wirst von der Pathologie abgeholt, in unserem Beisein, oder wir verlassen den Raum, lassen dich zurück und sie holen dich später ab. Beides fühlte sich schrecklich falsch an. Man hängt plötzlich an solchen Kleinigkeiten. Wir regelten es dann anders. Ich nahm dich in die Arme und wir riefen die Oberärztin, die dein Sterben begleitete, und ich übergab dich in ihre Arme. Dort warst du gut aufgehoben. Und sie trug dich fort.

„Die Straße gleitet fort und fort,
weg von der Tür, wo sie begann,
weit über Land, von Ort zu Ort,
ich folge ihr, so gut ich kann,
ihr lauf’ ich raschen Fußes nach,
bis sie sich groß und breit verflicht’
mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht.“  (J. R. R. Tolkien)

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3 Gedanken zu “Fort

  1. Mensch, was habt Ihr und Euer kleiner Schmetterling für eine Rosskur durchmachen müssen. Ich habe alles vom Anfang bis hier in einem Rutsch gelesen und bin platt. Es ist starker Tobak zu lesen, niederschmetternd und anrührend gleichzeitig. Viel Gescheites zu sagen weiß ich nicht, außer dass ich Euch viel Kraft und Trost wünsche.

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    1. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, Mikas Geschichte zu lesen und uns zu schreiben. Es ist das Schwerste, das eigene Kind so leiden und dann sterben zu sehen. Es macht viel mit einem. Aber es ändert auch die Sicht auf die Welt und die Einstellung zu vielen Dingen. So ein Schicksalsschlag macht einen ganz anders – aber das muss nicht schlecht sein. Und Trost bekommen wir unter anderem auch von Menschen wie dir, die sich einfach ein bisschen Zeit nehmen. Danke. Liebe Grüße, Ricarda

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