Flieg, mein Schmetterling

Vor diesem Eintrag habe ich die ganze Zeit am meisten Angst gehabt. Aber heute ist der Tag, an dem er kommen muss. Danke, dass ihr mit mir bis hierhin durchgehalten habt. Und danke, wenn ihr weiter durchhaltet, denn es ist die Beschreibung dessen, wovor jede Mutter am meisten Angst hat. Ich möchte eine Triggerwarnung vorausschicken. Bitte lest nichts davon, wenn ihr nicht vertraut, dass ihr es ertragen könnt.

Nach deinem Lächeln hast du den letzten Krampfanfall bekommen und wir wussten es war vorbei. Trotz aller krampflösenden Medikamente, trotz aller Bemühungen und trotz unserer verzweifelten Hoffnung, dass es doch noch gut ausgehen möge, ist es passiert. Er war nicht schlimm im eigentlichen Sinne, nicht dramatisch. Du hast ganz fest an deinem Nuckel gesaugt und ich dachte du hast Hunger. Ich habe ihn dir weggenommen, um dich eventuell füttern zu können, und da sah ich deine Lippen zucken und zittern. Und du hast mich so erschöpft angesehen. Wir riefen die Ärztin. Ich gab dir meinen Finger, um das Zittern wieder in ein Saugen zu koordinieren. Leider konntest du nicht mehr schlucken und du wärst fast an deinem Speichel erstickt. Die Schwester war langsam, schrecklich langsam, und sie bekam deinen Hals nicht wieder freigesaugt. Du verdrehtest schon die Augen und wurdest ganz blau. Diese Bilder haben sich fest eingebrannt und sie sind immernoch schrecklich und präsent und sie bringen mich zur Verzweiflung. Die Oberärztin hat ihr dann ärgerlich alles weggenommen und nahm deinen Kopf in den Nacken, mein Schmetterling, und da konntest du wieder atmen. Sie räumte dann alles frei. Sie hatten dir Dormicum gegeben, als sie reinkamen, und dann begannen sie, dir Morphium zu geben. Wir hatten mit den Ärzten schon Tage zuvor besprochen, dass wir dich bei akuter Hirnstammsymptomatik gehen lassen und wir keine lebenserhaltenden Maschinen wollten, auch wenn zu diesem Zeitpunkt niemand davon ausging, dass es so kommen würde – zumindest nicht so bald. Du solltest nicht noch länger leiden müssen. Du schliefst ganz schnell ein. Du solltest nichts mehr davon mitbekommen, was kam. Ich wünschte, es wäre nicht passiert. Du wärst einfach wieder wach geworden. Ich habe das schrecklichste Telefonat meines Lebens geführt, und dein Schmetterlingspapa auch. Wir haben deine Großeltern angerufen, um ihnen zu sagen, dass du stirbst. Und dass sie kommen sollen, wenn sie dich sehen möchten. Wenn sie Abschied nehmen möchten. Die Ärztin hat mich gefragt, ob ich dich halten will. Wir machten alle Kabel von dir ab, bis auf die Infusion, denn was nützt ein Monitor, wenn man nichts mehr retten kann. Und dann habe ich dich gehalten und gewiegt, mein geliebter kleiner Junge. Ich habe für dich gesungen. Und dich gestreichelt und geküsst. Habe ruhig mit dir gesprochen. Dir tausend Mal gesagt, wie sehr wir dich lieben. Dass es okay ist, dass du gehst, dass du gehen darfst. Dass es bald vorbei ist und dass du keine Angst haben musst. Alle Worte haben so schrecklich bitter geschmeckt in meinem Mund. Deine Atmung wurde immer langsamer, irgendwann setzte sie zum ersten Mal aus. Ich dachte es wäre vorbei, doch das war es nicht. Noch lange nicht. Denn du hattest ein gesundes Herz, mein Schmetterlingskind, ausgelegt für ein ganzes Leben. Und dein Herzchen wollte nicht aufgeben, noch nicht. Immer wieder schnapptest du nach Luft, nach den Pausen. Ich ließ mir das Stethoskop geben, um deinen Herzschlag in den Atempausen zu hören und um zu wissen, wann es vorbei war. Nach und nach versagten deine Organe. Sauerstoffmangel vertragen die meisten nur sehr kurz. Dein Großhirn gab sicher zuerst auf und das ist ein Trost, denn so wissen wir, dass du nichts wahrgenommen hast von deinem Sterben. Als der Darm aufhörte zu arbeiten, lief bei jedem wieder Hochbäumen Blut aus deiner Nase, denn dein Mageninhalt war blutig und der kam einfach hoch. Dein Körper wusste nicht mehr, in welche Richtung alles musste. Wir wischten es immer ab, sorgten dafür, dass du sauber und schön warst. Dein Herz wurde in den Atempausen immer langsamer und langsamer. Irgendwann wusste ich es dauert nicht mehr lang, und das sagte ich auch deinen Großeltern und deinem Schmetterlingspapa. Die Oberärztin stand bei uns, die ganzen 6 Stunden lang, und erklärte uns alles, versuchte uns die Angst zu nehmen. Im Sterben passieren seltsame Dinge. Körperbewegungen, Geräusche. Die Augen gehen auf. Aber das heißt nicht, dass man bei Bewusstsein ist und es merkt. Und das hat sie uns immer wieder gesagt. Schließlich kam die letzte Atempause. Ich hörte dein kleines Herz langsamer und langsamer werden, ganz leise war es zuletzt. Bumm bumm, bumm bumm…. bumm bumm………….. bumm…..bummm…………………bumm………………………………………. und dann nichts mehr. Ich nahm das Stethoskop aus dem Ohr. Du hattest es geschafft. Du hattest deinen Kokon aufgebrochen, deine Flügel ausgebreitet und bist einfach losgeflogen, kleiner Schmetterling Mika. Die Ärztin bestätigte deinen Tod. Und dann ließ ich mich fallen. Ich hatte währenddessen kaum geweint, aber jetzt machte ich alle Schleusen auf, schrie meine Verzweiflung und meinen Schmerz in die grausame Welt, die jetzt nur noch die Meine war und nicht mehr die Deine.

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10 Gedanken zu “Flieg, mein Schmetterling

  1. Auch ich habe mich vor diesem Post gefürchtet, vor den Worten 😦 Auch wenn ich den Ausgang kenne… Das hast du so schön und so traurig geschrieben.

    Es war die Nacht der Sternschnuppen. Ich hatte spätabends deinen letzten Beitrag in der Gruppe gelesen und mir kamen die Tränen. Es wussten vielleicht einige, dass es leider keine Hoffnung mehr gab. Ich ging raus und suchte nach Sternschnuppen. Eine sah ich, wirklich nur diese eine Sternschnuppe und der Wunsch ging nur an Mika. Das ihm ein Wunder geschehe. Vielleicht wurde dieser Wunsch auch erhört, nur anders als von mir erhofft. Von allen anders erhofft.

    Morgens wachte ich auf und wider jeder Gewohnheit machte ich den Laptop an. Dann weinte ich!

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    1. Liebe Jule, ja du bist nicht die einzige die Wünsche an die Sternschnuppen geschickt hat. Aber ich glaube sie waren nicht zum Wünschen gedacht in der Nacht. Sie waren da, um ihn zu begleiten und ihm den Weg zu zeigen. Er hat sich eine wunderschöne Nacht ausgesucht, wenn es schon sein musste hätte es keine passendere geben können.

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  2. In all der Traurigkeit kann ich eins entdecken, diese enorme Liebe zu eurem Schmetterlingskind.Ihr ward bei ihm, bis er seinen Kokon aufgebrochen und mit seinen Flügelchen entflogen ist. Und das beweist Stärke, Mut und unglaublich starke Liebe.

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  3. Dieser Post ist so unendlich traurig 😢aber und das meine ich ernst du darfst nicht glauben dass du nicht genug getan hättest .Du bzw ihr wart bedingungslos da für euren kleinen Schmetterling bis zum Schluss .Du hast alles für ihn getan und er ist in deinen Armen geborgen und unendlich geliebt davon geflogen .

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    1. Danke, dass du das sagst. Weißt du, es ist so schwer, weil man seine Kinder doch beschützen will. Und dann sitzt man da, und kann nichts tun um zu helfen, kann das Ganze nicht aufhalten und nicht besser machen. Man kann es nur gemeinsam aushalten bis zum Schluss. Diese Hilflosigkeit bringt einen um den Verstand.

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  4. ich habe deinen Blog gerade entdeckt.
    habe gelesen bis hier her und muss mit dir weinen.
    Es tut mir so leid um euren Verlust. I
    ch wünsche euch alles Gute und euer Schmetterling wird immer bei euch sein.

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  5. Ich weiß nicht, was ich euch schreiben soll. Ich möchte nur sagen, dass mir beim Lesen die ganze Zeit die Tränen über die Wangen gelaufen sind. Keine Mama und kein Papa sollte das durchmachen müssen, was ihr durchgemacht habt. Fühlt euch ganz arg gedrückt. Liebe Grüße Regina

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