Abschiedsgruß

Ich habe wieder meine Fragen gestellt, kleiner Schmetterling. Aber auch diesmal bekam ich keine klare Antwort. „Wir wissen es nicht. Es gibt die Möglichkeit, dass das Medikament, was er bekommen hat, dem Körper genug Zeit geben, um die Prozesse zu stoppen und die Waage wieder zu kippen. Wir müssen abwarten. Mika wird uns in den nächsten Stunden zeigen, wo der Weg hingeht.“ Und das hast du getan, mein Schmetterlingsjunge, mein geliebtes Kind. Du bekamst noch eine Dosis des krampflösenden Medikaments. Es sollte dich schlafen legen. Du hattest bereits eine Dosis bekommen und hättest schlafen müssen wie ein Stein. Aber das hast du nicht, kleiner Schmetterling. Du wusstest du hast keine Zeit dazu. Keine Sekunde mehr zu verlieren. Dein Schmetterlingspapa rief die Heilerin an, in einem letzten Akt der Verzweiflung. Fragte sie, ob sie etwas für dich tun kann. Es war schon spät, aber sie ging trotzdem ans Telefon. Im Hintergrund hörte man ihren Mann bitterlich weinen. Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, warum. Er stand draußen auf dem Balkon und ich war bei dir, aber ich war sehr abgelenkt in meiner Angst. Und sie sagte zu ihm: „Mika liegt da ohne Decke. Deckt ihn zu, ihm ist kalt.“ Und es stimmte was sie sagte, ich hatte in meiner Verzweiflung nicht daran gedacht, dich zuzudecken, und du hattest eine Gänsehaut an deinen kleinen, dicken Beinchen. Wie ich sie vermisse. Wie ich jeden Zentimeter an dir vermisse. Und diese Frau, die sonst immer klare Worte fand, sagte zu deinem Schmetterlingspapa auf die Frage, ob sie etwas tun könne, nur: „Wir sprechen morgen noch einmal.“ Das kam uns komisch vor, war sie doch sonst nicht so ausweichend. Aber wir wissen jetzt, warum. Und wir wissen auch, warum ihr Mann so geweint hat. Sie hat es gewusst, mein Schmetterlingsjunge, sie hat es gewusst. Und du hast es gewusst. Nur wir wussten es noch nicht. Du hättest schlafen müssen, all die Medikamente machten es eigentlich unmöglich für dich, wach zu sein, und doch warst du es. Und du warst aufgeregt, so schrecklich aufgeregt. Geweint hast du nicht, aber du wurdest auch nicht ruhig. Ich habe alles versucht, mein Schatz, ich habe gesungen und dich gestreichelt, habe meinen Kopf auf deinen Bauch gelegt, dich geküsst und mit dir gesprochen. Dein Schmetterlingspapa kaum auch, um sein Glück zu versuchen. Und du hast uns so intensiv angeschaut, unsere Gesichter betastet, unsere Haare gefühlt und uns mit deinem Blick ganz und gar eingefangen. Ich vermisste deine Berührung, deine kleinen Hände in meinem Gesicht. Wie sehr es schmerzt, sie nicht mehr fühlen zu können. Dann saßen wir beide an deinen Seiten, dein Schmetterlingspapa links von dir und ich saß rechts von dir, und jeder hielt eine deiner Hände. Da wurdest du endlich ruhig. Entspanntest dich. Und dann hast du mich angesehen, mein Schmetterling, und gelächelt. Ein herzzereißendes, schiefes Lächeln, mit deinem halb gelähmten Gesicht. Es war dein Abschiedsgruß. Du lächeltest nicht aus Freude. Nicht, weil es dir gut ging. Du lächeltest für uns. Um uns zu sagen: ich gehe jetzt. Aber das ist okay. Danke für alles. Ich hab euch lieb. Es steckten so viele Worte darin, die du noch nicht sagen konntest. Und es war so wichtig für uns, so unendlich wichtig.

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4 Gedanken zu “Abschiedsgruß

  1. Mein allerherzlichstes Beileid. Ich sitze hier und weine um euren verlorenen Jungen. Es ist ungerecht das so ein toller Junge gehen muss, dass überhaupt so viele tolle Kinder gehen müssen.
    Diese Erfahrung sollte eigentlich niemand machen müssen. Zerbrecht nicht daran, den in so einer Situation kann man nicht stark sein, muss man auch nicht. Mann muss trauern dürfen so lange wie man das möchte! Es wird nie wieder gut man lernt nur damit zu leben! Ich wünsche euch Kraft das durchzustehen. Irgendwie. Fühlt euch gedrückt!
    Ein schöner, trauriger Brief einer Mutter an ihren verstorbenen Sohn. Eintrag am 30.8.
    http://mgaranin.blogspot.de/search?updated-max=2015-09-07T15:20:00%2B02:00&max-results=10&start=20&by-date=false&m=1

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    1. Liebe Stella,

      danke für dein Mitgefühl und danke, dass du mit uns weinst. Ja es ist schrecklich, wenn Kinder gehen müssen. Es ist einfach so falsch. Mir hat jemand ein schönes Zitat geschickt, das ich irgendwann in einem Blogartikel aufschreiben werde. „Some things in life cannot be fixed. They can just be carried.“ Und das stimmt. Ich vergleiche es immer mit einer Amputation. Man kann lernen, damit zu leben und man kann auch gut damit leben irgendwann vielleicht. Aber irgendwas wird immer anders sein und irgendwas wird immer fehlen. Es wird nie wieder so einfach wie vorher. Und manches wird immer schrecklich schwierig sein.
      Danke dir für den Link. Es ist so traurig, dass der kleine Nils gehen musste 😦 Der arme Nils und die arme Mama, der arme Papa 😦

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  2. Liebe Ricarda,
    ich sauge jeden deiner Blogbeiträge in mich auf, diese bedingungslose Liebe die ihr Mika schenkt berührt mich und macht süchtig.
    Von deinem ersten „Auskotz-Hilfe-Post“ in der AP Gruppe bin ich in Gedanken und Gebet bei euch und trauere jeden Tag um Mika auch wenn ich ihn oder euch nie kennen gelernt habe.
    Es ist so gemein und absolut nicht nachvollziehbar dass er gehen musste und doch weiß ich, dass er die besten Eltern auf der Welt für sich ausgesucht hat!
    Wenn du es zulassen magst fühl dich gedrückt ❤

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    1. Liebe Benita,

      vielen Dank, dass du das schreibst und dass du gedanklich bei uns bist. Ich bin froh, dass du mit uns durchgehalten hast und die Geschichte mit uns ertragen hast. Ich drücke dich zurück. Danke, dass du mit uns um den kleinen Mann trauerst.

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