Letzte Versuche

Ich mag eigentlich nicht mehr weiter erzählen, was dann geschah. Ich möchte euch etwas ganz anderes aufschreiben. Ich möchte schreiben, dass er operiert wurde und jetzt alles gut ist. Dass die Chemo dann alles weggemacht hat, was noch übrig war. Aber das wäre gelogen. Es ist das Schlimmste passiert. Das, was jetzt kommt, ist nicht schön, nichts daran. Es ist schrecklich und grausam und ich kann verstehen, wenn ihr hier aufhören wollt zu lesen, und euch lieber selbst ein Ende ausdenken wollt. Ich hätte mir auch lieber ein anderes Ende ausgedacht. Aber das Leben ist nicht fair. Das hat mir auch nie jemand versprochen. Aber dass es so zum Kotzen unfair sein kann, das habe ich nie erwartet.

Du bekamst ein krampflösendes Medikament, kleiner Schmetterling. Luminol glaube ich hieß es. Und du bekamst nochmal eine volle Dröhnung Dexamethason, weil man sich erhoffte, dass es noch irgendetwas abschwellendes leisten konnte. Wir mussten warten, bis die Ärzte sich deine Bilder angeschaut hatten. Wir waren völlig verzweifelt. Der Chefarzt der Neurochirurgie kam extra von zu Haus wieder, um zu sehen, ob es irgendetwas zu tun gab, was in seiner Macht lag. Nach der Konsultation kamen die Ärzte zu uns und erklärten uns die Lage. Du hast kurz geschlafen, kleiner Schmetterling, und das war gut. Du warst erschöpft und müde. Mit ernsten Gesichtern, betroffen, erzählten sie was passierte. Der Tumor hatte eingeblutet. Das, was sie um jeden Preis verhindern wollten, das, weshalb die Dosis der Chemo auf ein absolutes Minimum reduziert worden war, war eingetreten. Durch das ganze Blut schwoll der Tumor an und drückte deinen Hirnstamm gegen die Wirbelsäule und zerquetschte ihn so langsam. Du hattest Hirndruck, nur nicht oben in den Ventrikeln, sondern unten. Noch jetzt ist das Gespräch wie ein Albtraum vor meinen Augen. Ich habe die klassichen, klischeehaften Fragen gestellt: „Können wir denn gar nichts mehr tun? Haben wir jetzt verloren?“ Und in bester Ärztemanier ließen sie sich nicht festnageln. Der Neurochirurg sagte uns, dass von chirurgischer Seite keine Möglichkeit bestand, etwas zu tun, was dich gesund gemacht hätte, kleiner Schmetterling. Eine OP war rein technisch möglich, aber die einzigen beiden möglichen Ergebnisse waren Verbluten oder allerschwerste Behinderungen, wobei der Krebs dann natürlich immernoch nicht besiegt war. Und ich rede hier nicht von nicht mehr laufen können, geistig zurück sein. Ich rede von vegetativem Zustand. Wachkoma. Keine eigenständige Atmung, kein Schlucken, kein Bewusstsein. Kein Mika. Kein Leben. Der Chirurg sagte einen Satz, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. „Wir sind nicht solche Affen, die Dinge nur tun, weil sie sie können.“ Eine kleine Möglichkeit der Verbesserung der Situation gab es noch. Sie wollten versuchen, durch die alte OP-Wunde in den Liquorraum im Nacken zu punktieren und so etwas Entlastung dort zu schaffen, wo gerade richtig Druck war. Von uns durfte niemand mitkommen. Sie nahmen dich mit, kleiner Schmetterling, und ich hatte keine Kraft mich noch dagegen zu wehren. Es sollte auch nur ganz kurz dauern. Als sie wieder in das Zimmer kamen sah man schon an den Gesichtern, dass es nicht geglückt war. Der Liquor war durch die Hirn-OPs im Nacken zu einem Gelée geronnen. Eigentlich ist das gut, denn dann beginnt der Körper mit dem Abbau. Ein ganz gesunder Vorgang also. Aber für uns war es das schlechtestmögliche Szenario.

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3 Gedanken zu “Letzte Versuche

    1. Danke. Ja es kommt jetzt wirklich nicht mehr viel Schönes 😦 Das war am Ende ein richtiger Albtraum. Eben genauso wie man es aus diesen ganzen doofen Krankenhausserien kennt, absolutes Drama. Ich hätte nicht gedacht, dass das so realistisch ist, was da gezeigt wird, aber die Sachen sind zum Teil wirklich genau so abgelaufen.

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