Zerstörung

Auch die nachfolgenden Untersuchungen stimmten uns positiv. Die Ärzte punktierten noch ein weiteres Mal, damit die Entlastung schneller ging, aber die Ventrikel sahen gut aus. Es war ein Fortschritt zu erkennen. Wir waren absolut positiv gestimmt, fast schon euphorisch. Denn das hieß, dass wieder eine Zirkulation im Liquor zu erkennen war. Dass es ein Gleichgewicht zwischen Zu- und Ablauf gab. Und das hieß: die Chemo in den Kopf wurde möglich. Einen genauen Termin hatten wir noch nicht festgelegt, denn du warst ohnehin in der Chemopause. Zwischen den Blöcken muss immer Pause gemacht werden, der Körper muss die Möglichkeit bekommen, die Gifte wieder abzubauen und sich zu erholen. Aber trotz der guten Nachrichten, gab es ein paar Anzeichen, die mich besorgt machten. Es begann damit, dass ich das Gefühl hatte, deine eine Pupille sei größer als die andere. Ich hab mir erst eingeredet ich bilde mir das ein, die Lichtverhältnisse seien unterschiedlich… fand zig Erklärungen. Aber dann fragte ich einen Pfleger und er bestätigte mich. Dann bekamst du einen leichten Silberblick. Nicht sehr. Nur hauchfein war es zu erkennen. Und dann geschah das, was mich noch jetzt schrecklich quält, wenn ich daran denke. Du verlorst die Kontrolle über deine linke Gesichtshälfte. Mika müde lächelndIch kann es kaum ertragen, das Bild anzusehen, auch wenn du lächelst. Es tut mir so schrecklich weh, es zu sehen. Du armer, tapferer, müder Schmetterling. Du siehst so unendlich erschöpft aus. All meine Selbstbeherrschung zersplittert, fällt mir in kleinen Stückchen vom Gesicht, bringt zum Vorschein, was ganz tief drinnen ist. Das Bild ist das Zeugnis deines Verfalls. Ich hasse es. Und ich liebe es, weil du trotz all deiner Müdigkeit, deiner Schmerzen, trotz deiner Erschöpfung, so warm lächelst. Ich finde keine Worte, um zu beschreiben, welches Grauen dieser ‚kleine‘ Defekt in mir ausgelöst hat, den der Krebs hervorgerufen hat. Er hat ’nur‘ einen Nerv zerdrückt. ‚Nur‘ die Signalweiterleitung gestört. Aber er hat mir endültig gezeigt, was passiert. Ich bekam ein perfektes Kind geschenkt. Ein wunderschönes, lebensfrohes, fröhliches und unschuldiges Kind. Und er hat dich zerstört. In kleinen Schritten. Unerbittlich. Er hat dir deine Unbeschwertheit genommen, er hat dir deine Gesundheit genommen. Er hat dich kaputt gemacht. Ich musste zusehen, wie du zerfallen bist, wie du immer weniger wurdest. Wie die Unschuld aus deinen Augen wich und von Weisheit und Schwere ersetzt wurde. Wie dein Lächeln kaputt ging. Einfach so. Wie du zerstört wurdest. Wenn ich könnte, dann würde ich schreien. Aber dann könnte ich nicht mehr aufhören, nie mehr. Er hat dir immer mehr weggenommen. Am Ende hat er dich uns weggenommen. Er hat uns auseinandergerissen. Hat dich getötet und in uns etwas getötet. Boshaft und grausam. Nachdem dieses Bild aufgenommen wurde, hattest du noch 2 Tage zu Leben. Zwei Tage. 48 Stunden. 2880 Minuten. 172800 Sekunden, bis das Sterben begann. Jede einzelne wertvoller als alles Gold der Welt. Viel zu schnell, viel viel zu schnell. Verlass mich nicht, will ich schreien. Bleib hier. Aber du bist schon fort. Und ich sitze hier. Allein.

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2 Gedanken zu “Zerstörung

  1. Ich würde Dich gerne in den Arm nehmen und dich ein wenig halten zum Trost, wenigstens einen Augenblick. Aber da das nicht geht weine ich ein bisschen mit dir mit. Das fällt mir leichter als Worte zu finden.

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