Die Farben der Trauer

Trauer hat viele Farben und Formen. Sie erscheint in vielerlei Gestalt. An manchen Tagen ist sie schwarz wie die Dunkelheit der Nacht, sie hüllt dich ein, umschlingt dich, sie flüstert dir dunkle Worte ins Ohr. Sie ist wie ein lebendiges Wesen. Verschluckt jedes Licht, ein schwarzes Loch ist sie, in der jede Freude verschwindet. Sie nährt sich davon. Du kennst sie. Sie kennt dich. Zärtlich berührt sie dich, die Verführerin. Manchmal zieht sie ihre Schlingen fester als sonst. Du musst acht geben, dass sie dich nicht zerdrückt. Dass sie dich nicht mit ihren Einflüsterungen vom festen Boden ins Moor lockt. An anderen Tagen ist sie rot und wütend. Sie schreit und tobt. Du läufst über von ihr. Sie brennt und du brennst, gemeinsam verzeht ihr euch im Feuer. An den Tagen ist sie laut, animalisch. Schreiend und uferlos ist sie, sie lodert himmelhoch. Du schreist mit ihr. Machst die Tore in dein Innerstes weit auf und lässt die Welt auf die Flammen blicken, die in dir lodern und dich verbrennen.Dann wieder ist sie farblos und gestaltlos, und doch wiegt sie Tonnen, wie sie auf deinem Rücken hockt. Jeder Schritt fällt dir schwer, sie drückt dich nieder. Sie will dich am Boden haben. Sie ist stumm und still, und auch wenn sie keine Farbe hat malt sie alles grau. An diesen Tagen hat sie manchmal nichtmal Tränen, so still ist sie. Manchmal ist sie wie Säure, manchmal brennt sie wie Feuer. Manchmal sticht sie, wie ein Messer, dreht sich herum in ihrer eigenen Wunde. Salz in den Schnitten. Sie beißt, sie reißt, sie schneidet, sticht und brennt. Sie tut weh. Immer. Das ist jeder Form und Farbe gemeinsam. Aber sie nimmt uns unsere Würde nicht. Wir, die wir unsere Kinder verloren haben, wir tragen sie wie eine Krone. Sie macht uns zu Königen und Königinnen, wenn wir sie tragen können. Es steckt Würde darin, wenn wir unseren Schmerz in die Welt schreien, wenn wir ihn langsam aus uns heraustropfen lassen, oder wenn er gewaltvoll aus uns herausbricht. Sie ist manchmal nicht auf den ersten Blick zu sehen, weil wir manchmal unsere Köpfe senken. Aber wenn wir die Kraft haben, sie wieder zu heben, seht in unsere Augen. Seht das Feuer. Seht, wie sie in uns brennt. Und erkennt die Würde in unserem Schmerz. Seht die Scherben, seht die Schnitte und die Narben. Und dann seht die Kraft, die hinter den Schatten ist, die sich manchmal auf unseren Blick legen. Mein Schmetterling, mein geliebtes Kind. Meine Trauer gehört dir, in allen ihren Farben. In allen ihren Formen. Sie ist für dich. Ich schenke sie dir. Sie ziert mich, malt deinen Namen auf meine Haut. Sie ist mein und sie ist dein. Sie verbindet uns. Wie die Liebe. Stärkt das Band. Egal welche Maske sie trägt und welche Form sie hat. Die Tränen einer Mutter um ihr Kind sind schrecklich, und wunderschön. Jede einzelne davon ist nur für dich. Und wenn du genug Tränen hast, dann werde ich dir auch mein Lachen schenken. Immer im Wechsel, aber jedes davon gehört nur dir.

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