Junge Seele

Als unser Besuch im Krankenhaus war, wurde uns etwas gesagt, dass ich da noch nicht verstanden habe. Nachdem die Heilerin dich angesehen und berührt hat schaute sie mich an und sagte mir, dass du eine ganz junge Seele hast. Ich habe das damals nicht verstanden. Ich kannte mich mit solchen Dingen nicht aus, hatte es wie gesagt immer nur müde belächelt. Aber ich weiß jetzt, was es hieß. Sehr junge Seelen bekommen leider sehr kurze Aufgaben, sagt man. Und deine Aufgabe war leider schnell, viel zu schnell schon vorbei. Ich wünschte, du hättest länger bleiben können. Ich wünschte, du hättest mehr Zeit gehabt, und auch wir hätten mehr Zeit gehabt dich mit all unserer Liebe zu umgeben und dich zu umsorgen. Es schmerzt so sehr, dass du so bald wieder gehen musstest. Aber wir haben auch gesagt bekommen, Kinder suchen sich ihre Eltern aus. Es wird auf irgendeiner Ebene schon ausgehandelt, was passieren wird. Wir erzählen uns die Aufgaben, die wir mitbringen, zeigen uns die Päckchen, die wir durch unser Leben tragen. Und wenn unsere Aufgaben zusammenpassen und wenn wir bereit sind, uns zusammenzutun, und wir miteinander und aneinander wachsen können, dann bekommen wir ein Kind. Wir haben dich genommen, mit deiner Aufgabe, mit deiner schrecklich kurzen Lebenskerze. Wir haben ja gesagt. Und ich würde immer wieder ja sagen. Selbst wenn ich weiß, dass ich mein ganzes Leben darunter leide – ich würde dich wieder haben wollen, wieder lieben wollen. Immer wieder. Du bist das Beste, was mir je passiert ist und das Schönste, was ich jemals haben durfte. Trauer ist die dunkle Rückseite der Liebe, habe ich gelesen, und wir trauern nun um eine Kostbarkeit, die Gott uns nur geliehen hatte.

Aber nun husch husch, zurück ins Krankenhaus. Die nachfolgenden Tage ergaben nichts neues bei deinen Untersuchungen, und dann entschieden sich die Ärzte, etwas Liquor abzulassen, falls du Kopfschmerzen hattest. Man konnte es ja nicht wissen, weil du nie geweint hast, und deine Vitalfunktionen waren sowieso zu hoch. Dein Ommaya-Reservoir wurde punktiert. So etwas wird bei vollem Bewusstsein gemacht, nur etwas Dormicum bekamst du. Du warst so richtig, richtig breit. Du bekamst es intravenös und ganz kurze Zeit später fingst du an, vor dich hinzugrinsen. Hast alles mögliche angefasst. Ich habe sehr gelacht, mitten im Untersuchungszimmer, zwischen all den Ärzten. Und sie haben mit mir gelacht. Ein Verbandswechsel wurde gemacht und die Punktion wurde durchgeführt. Ich habe immer zu dir gesagt: „Schau mal, wir machen Karneval für dich.“ Alle hatten grüne Kittel an, und Mundschutz und eine Haube. Dein Kopf musste abgedeckt werden, aber ich habe dir erzählt wir bauen dir ein Zelt, und ich habe darunter hergelinst und für dich gesungen. Du warst ganz ruhig. Die Nadel ist sehr dünn, viel dünner als die, mit denen man Blut abnimmt. Du hast kaum etwas gemerkt. Nur das festhalten gefiel dir nicht. Und dann war es schon vorbei. Schnell das doofe Zelt von deinem Kopf nehmen, schnell den Mundschutz ab, die Kittel weg. Ich wusste es noch nicht, aber zu dem Zeitpunkt begann der Druck bereits von selbst nachzulassen. Das Punktieren wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen. Das, was wir versucht hatten, hatte geholfen. Die OP-Stelle schwoll ab. Deine starke Seele war gesünder geworden und somit ging es deinem Körper besser. Leider nur für kurze Zeit.

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