Kleine Schritte

Tage und Nächte vergingen und es tat sich nichts bei dir. Deine Ventrikel wurden sogar wieder etwas größer. Nur im Millimeterbereich, aber trotzdem ein entmutigendes Ergebnis. Du machtest nach wie vor alles toll, aber wir hatten wieder das Gefühl, nicht hinterherzukommen. Einfach zu langsam zu sein. Dann kam die Heilerin zu uns. Es war ein Donnerstag. Eine Woche vor deinem Tod. Zum Glück wussten wir es noch nicht. Zum Glück konnten wir noch hoffen und zum Glück konnte diese Frau uns wieder neue Hoffnung schenken. Sie sah gar nicht so besonders aus, sehr lieb und sympathisch ja, und eine unglaubliche Ausstrahlung, aber ich hatte mir irgendwie eine ausgeflippte Person vorgestellt. Professor Trelawney aus Harry Potter, ein derartiges Bild geisterte in meinem Kopf herum. Sie hatte schlohweißes mittelkurzes Haar und viele tolle Lachfältchen um die dunklen Augen. Sie hat dich angeschaut und gefragt wie es dir geht. Sie hat uns nichts versprochen, keine falschen Hoffnungen geweckt, nur gesagt was sie versuchen kann. Sie sagte abschwellende Prozesse kann sie in jedem Fall erreichen, aber was darüber hinausgeht – das steht in den Sternen. Jeder Mensch ist anders, jede Erkrankung ist anders. Kinder zu behandeln ist einfacher als Erwachsene, weil sie nicht so verkopft sind und ganz offen. Aber bei so einem aggressiven Krebs kann man nicht wissen was es bringt. Aber wer nichts versucht, der kann nur verlieren. Sie hat uns erklärt, dass Körper und Seele wie Zwillinge sind, und wenn der Körper erkrankt die Seele auch krank wird. Für den Körper kann sie nicht direkt etwas tun, aber für die Seele, und somit indirekt auch für den Körper. Und dann hat sie dich behandelt, mein Schmetterling. Sie hat dich berührt, über deine Haut gestrichen, geatmet. Die Augen geschlossen. Sie hat mich in einer kurzen Pause gefragt, ob ich etwas spüren kann. Aber ich konnte nicht. Als sie weitermachte, hast du meine Hand berührt. Du warst die ganze Zeit so ruhig, mein Schmetterling. Hast sie beobachtet und angefasst, alles aufgenommen mit deinen geschickten, weichen kleinen Händen und deinen wissenden Augen. Wie ich deine Augen und deine Berührung vermisse. Mein Herz ist so schwer, dass es mich fast zu Boden reißt. Als du mich berührt hast, konnte ich auf einmal etwas wahrnehmen. Ich hatte ein fließendes Gefühl. Aus meinem Arm hin zu dir. Ganz leicht, wie Wasser. Ganz sanft und seltsam. Als sie fertig war habe ich es ihr gesagt. Sie sagte mir sie hat versucht, Dinge wieder in den Fluss zu bringen. Dinge herauszuziehen. Blockaden zu lösen. Deinen Schmetterlingspapa hat sie auch behandelt, er hatte so einen schlimmen Fuß, weil sein Körper nicht mehr konnte. Er musste danach die ganze Nacht dauernd pinkeln rennen, weil irgendetwas ausgeschwemmt wurde. Bei dir hat es ein bisschen gedauert. Aber auch bei dir hat es einen Effekt gehabt, zwei oder drei Tage später. Ein kleiner Schritt, mit dem es dir besser ging. Sie sagte uns, dass es etwa eine Woche ‚arbeiten‘ muss, dann wollte sie gern wiederkommen. Die Gelegenheit gab es leider nicht mehr. Trotzdem hat sie noch einmal eine Rolle gespielt. Später. Doch davon will ich erst am Schluss erzählen, wenn es so weit ist.

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