Neue Wege

Nach der OP ging es dir den Umständen entsprechend gut. Du hattest keinerlei von außen erkennbare Hirndrucksymptome. Es wurde nicht direkt nach der OP geschallt, weil du dich erstmal erholen solltest. Nur dein Erbrechen wurde immer Mika mit Spieluhrstärker. Du hattest schon seit Tagen nichtmal mehr 10ml Milch bei dir behalten können. Immer, wenn ich dir etwas gab, kam es nach kurzer Zeit alles wieder hoch. Es tat mir so schrecklich leid, dich so zu sehen. Dein armer kleiner Magen war so gereizt, dass du immer blutigen Schleim spucken musstest. Es tat meinem Mamaherz so weh, dass ich dir nicht helfen konnte. Dazu kam noch, dass du Ampho-Moronal bekommen musstest, um Pilzinfektionen im Mund vorzubeugen – dein Immunsystem wurde ja von der Chemo in Mitleidenschaft gezogen und eine Infektion konnten wir nicht brauchen. Schon im gesunden Zustand müssen viele Kinder davon spucken, es war also ein Ding der Unmöglichkeit. Ebenso die Antibiotika, die du prophylaktisch bekommen solltest. Die Lösung war dann, die Antibiose über den Tropf zu geben, und mit dem Ampho pinselten wir nur ein bisschen deinen Schuller ein. Manchmal muss man eben einen Kompromiss finden. Wir wollten dich nicht weiter damit quälen. Dann stand die erste Ultraschalluntersuchung an. Und das Ergebnis war niederschmetternd. Die Ventrikel waren immernoch geweitet. Und wieder zerschlugen sich meine Hoffnungen. OP erfolgreich, Effekt = 0. Alle neuen Schmerzen, alte Wunden wieder aufgerissen, ein neues Loch in deinem schlauen kleinen Gehirn – alles umsonst. Die Meiningiose war doch der Grund für den Hirndruck, nicht der Tumor. Aber die Ärzte sagten uns wir sollen den Mut noch nicht aufgeben. Es war noch zu früh, um die Flinte ins Korn zu werfen. Es dauert manchmal einfach ein bisschen. Schwellungen müssen zurückgehen, Blut, das sich durch die OP zusätzlich auf die Hirnhäute legt und den Metastasenzuckerguss noch verstärkt, muss resorbiert werden. Der Druck muss sich erst abbauen. Das geht vielleicht nicht so schnell. Also haben wir weiter in deinen Kämpfergeist vertraut. An dich geglaubt und abgewartet. Aber gleichzeitig haben wir etwas getan, was wir bis dahin nur müde belächelt hätten. Wir haben eine Heilerin zu uns bestellt. Die Mutter einer Freundin deines Schmetterlingspapas. Nachdem sie erfuhr, wie es dir ging, bot sie ihre Hilfe an. Sie wohnte recht weit entfernt, wollte aber dennoch zu dir um zu sehen, was sie für dich tun konnte, kleiner Schmetterling. Wollte nichtmal Geld für die Fahrt. Wir waren uns nicht sicher, ob es etwas helfen kann, aber was schadet es schon? Wenn die Schulmedizin versagt, welche Optionen hat man dann noch? Und so haben wir nach jedem Strohhalm gegriffen. Jeden noch so wackligen Boden ausgetestet. Wir sind viele neue Wege gegangen in der Krankenhauszeit. In der schlimmen Eis- und Feuerzeit, in der wir alle gefroren und gebrannt haben. Wir wollten, dass dir geholfen wird, dass dein Leid gelindert wird. Und so haben wir sie gebeten, zu dir kommen.

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