Die letzte OP

Du hattest schon einen Tag Chemo hinter dir, kleiner Schmetterling, da kamen die Neurochirurgen zurück, um mit uns über die Möglichkeit zu sprechen, deinen Hirndruck zu verringern und dadurch zu ermöglichen, Gift direkt in den Liquor geben zu können, um den Metastasenzuckerguss zu bekämpfen und dem Monster auch von außen auf den Pelz zu rücken. Denn die Idee deiner Schmetterlingsmama war gar nicht so dumm. Man konnte zwar kein Rohr einsetzen, um den Ablauf des Hirnwassers offen zu halten, aber man konnte etwas anderes machen. Einen neuen Ablauf schaffen. Normalerweise läuft das Hirnwasser hinter dem Hirnstamm in den Spinalkanal, der Durchlauf dort ist sehr schmal, aber ausreichend. Wenn man keinen Tumor hat, der ihn zudrückt. Es gibt aber die Möglichkeit, vor dem Hirnstamm einen neuen Durchlauf zu stechen. Dazu wird mit einem Edoskop immer weiter nach unten durch das Hirn durchgedrungen, bis man ganz unten ein kleines Häutchen durchsticht und den neuen Ablauf frei macht. Der wird dann ein bisschen vergrößert und wächst üblicherweise nicht mehr zu. Die OP ist allerdings heikel. Sehr nah an dieser Stelle laufen Blutgefäße und sticht man diese an, können die Chirurgen nichts mehr sehen, die OP muss erfolglos abgebrochen werden. Wir entschieden uns, dem Ganzen eine Chance zu geben. Der Eingriff war vergleichsweise klein, ein Loch im Schädel hattest du an dieser Stelle ohnehin schon von der Drainage und man musste nur die Haut noch einmal öffnen, durch den Kanal der Drainage und dann noch etwas weiter nach unten. Eine Nacht Intensivstation. Aber wieder Narkose, wieder dich abgeben, in fremde Hände, so du doch bei uns sein solltest. Wieder warten, hoffen und bangen. Angst, dass der Eingriff missglückt und alles umsonst war. Mein armer Schmetterling, wir mussten dein Schicksal so oft in andere Hände legen, hatten so schrecklich wenig Kontrolle über das, was mit dir passierte. All die Unterschriften nur eine Illusion von Kontrolle. Es gab nichts, womit wir selbst dir helfen konnten in deinem Kampf. Wir konnten nur da sein. Dich halten. Dir gut zureden wenn du erbrechen musstest. Dich umarmen und küssen, für dich singen und dich wiegen. Es fühlte sich so schrecklich wenig an, wo das Monster in deinem Kopf doch so übermächtig war. Aber wieder hatten wir Glück. Nach anderthalb Tagen Chemo kamst du erneut in den OP, und auch wenn es tatsächlich begann zu bluten, waren dem Neurochirurgen eine sichere Hand und ein kühler Kopf gegeben und er beendete die OP erfolgreich. Du kamst wieder auf die Intensivstation und wir warteten darauf, dass du die Nachwirkungen der Narkose abschütteln konntest und hofften darauf, dass die OP die erwünschte Wirkung zeigte.

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