1/2 Chemo

Der große Tag war da. Heute sollte es losgehen. Endlich. Die Ärzte kamen morgens, weil ein Kinderarzt dein Köpfchen nochmal schallen wollte. Du hattest zwar keinerlei Symptome, die auf Hirndruck schließen ließen, aber sicher ist sicher. Gut, dass er so ein Bauchgefühl hatte, und gut, dass er dem Gefühl Glauben geschenkt hat. Denn der Blick auf den Monitor war wie ein Schlag in den Magen. Deine Ventrikel waren wieder geweitet. Der Hirndruck war zurück. Keiner wusste, warum du so symptomfrei warst, aber der Befund war selbst für den Laien gut zu erkennen. Ich war am Boden zerstört. Hirndruck heißt: keine Chemo in den Kopf. Zu gefährlich, wenn das Gift nicht abtransportiert wird und zu lang im Hirn bleibt. Nichts, um die Metastasen im Liquorraum zu bekämpfen. Dein Monster war so schlau, mein Schmetterling. So schrecklich, ekelerregend intelligent. Das einzige, was ihm wirklich dramatisch hätte schaden können, hatte er ausgeschaltet. Und da war sie wieder zersplittert, die Hoffnung, und mein gerade erst notdürftig geflicktes Herz gleich mit. Dein Schmetterlingspapa war ganz blass. Er hat viel weniger geweint als ich, war so viel stärker darin, seine Gefühle unter einer Decke zu lassen, aber man konnte ihm sein Entsetzen deutlich ansehen. Der Tumor hatte das kleine bisschen Boden, was wir durch die Not-OP gewonnen hatten, binnen einer Woche wieder wettgemacht. Saß uns wieder im Nacken. Ich war verzweifelt. Wie sollten wir jemals Zeit gewinnen, wenn er so grausam schnell war? Wieder eine OP, dann wieder eine Woche Intensivstation, nur um dann kurz nach der Erholungsphase, wenn es losgehen kann, wieder da zu sein wo wir vorher waren? Ein Teufelskreis, aus dem ich keinen Ausgang sehen konnte. Dann habe ich eine ‚dumme‘ Frage gestellt. Können wir nicht einfach ein Röhrchen einsetzen? Das den Durchlauf offen hält? Wenn der Tumor doch den Ventrikel zudrückt, erschien mir das wie eine gute Idee. Und die Oberärztin hat mich angeschaut und gesagt: „Ich spreche mit den Neurochirurgen darüber.“ Sie hat mich nicht ausgelacht. Sie hat mich ernst genommen, und das war unglaublich erleichternd. Der Neurochirurg kam zu uns und sagte uns, dass er sich die Bilder nochmal genau ansehen müsse. Es sei nicht klar, woher der Hirndruck kam. Denn einerseits war der Zulauf ein Problem, andererseits legten sich aber auch die ganzen Krebszellen auf die Hirnhaut, die den Liquor aufnehmen kann. Wie ein Zuckerguss klebten sie die Durchläufe zu. Meningiosis, nannten sie das. Dann hätte eine OP keinen Sinn. Wieder ein Hoffnungsschimmer, aber wieder stand alles auf sehr wackligen Füßen. Aber zumindest der venöse Teil der Chemo, der der ins Blut muss, konnte starten. Zwei Spritzen, 2 x 24h. Wir umwickelten alles mit Alufolie, die Spritzen und die gefühlten 100m Schlauch, da die Chemo durch UV-Licht zerfällt, durch die langsame Laufgeschwindigkeit. Dann wurde das Gift angeschlossen und in dich hineingepumt. Das Gefühl lässt sich schlecht beschreiben. Angst, aber auch Hoffnung. Eine Prise Triumph. Und du hast es gut weggesteckt, mein starker, tapferer Schmetterling. Du warst so ein Kämpfer, da hast du dich von ein bisschen Chemo nicht weiter stören lassen.

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