Vorbereitungen

Nachdem endlich alle Aufklärungsgespräche erledigt waren, wir alles Schlimme gehört hatten, was dir passieren konnte, wir alle Unterschriften geleistet hatten, wurde als Starttermin für die Chemo der Mittwoch festgelegt. Die Ärzte hatten sich mit den Experten ausgetauscht und es wurde entschieden, dass du eine reduzierte Dosis erhalten solltest, weil du noch so wahnsinnig klein warst und der Chefarzt schon einmal miterleben musste, wie ein Tumor unter der Chemo anschwoll und das Kind starb. Wir wussten noch nicht, dass dein Tumor ebenso reagieren würde. Dass er auch vor Wut über die ungerechte Behandlung anschwellen und dir das Leben rauben sollte. Krankes, bösartiges Ding. Heimlich und leise hast du dich eingeschlichen. Dich breit gemacht. Zerstört und gefressen. Vor nichts halt gemacht bis zum Schluss. Entsprechend des Risikos wurdest du gewogen und vermessen, kleiner Schmetterling, es wurden Berechnungen angestellt und die Dosis wurde festgelegt. Das erste Mittel war vor allem ohren- und herzmuskelgiftig. Entsprechend waren für Dienstag Untersuchungen angesetzt, um den Zustand deiner Ohren und Muskeln vorher zu bewerten. Wir machten uns keine Sorgen. Du warst gesund und kräftig, ein starker kleiner Junge. Ein Kämpferherz. Das hattest du immer wieder gezeigt. Die Untersuchungen bestätigten das. Dein Herz schlug kräftig, etwas zu schnell, aber gesund und fit. Dein schneller Herzschlag machte mir Sorgen, vor dem Hintergrund, dass die Chemo den Herzmuskel angreifen konnte – aber was blieb uns schon anderes übrig, kleiner Schmetterling. Es erscheint immer so, als habe man die Wahl, wenn man aufgeklärt wird und Unterschriften leisten muss. Aber die hat man nicht. Die haben wir nie gehabt. Wenn die eine Alternative der sichere Tod ist, und die andere eine Chance, und sei sie noch so klein, dann hat man keine Wahl. Du warst also gesund genug für die Chemo, hattest dich von allen Eingriffen erholt. Die benötigten Zugänge waren gelegt und nutzbar. Die Dosis war berechnet, der Startschuss gefallen. Wir hatten große Angst vor den Nebenwirkungen, wollten dir nicht noch mehr Schmerzen und Leid zufügen als du sowieso schon durchmachen musstest. Aber was blieb uns schon übrig? Wir hielten uns mit dem Gedanken über Wasser, dass der erste Block nur wenig giftig war, im Vergleich zu den anderen, und trotzdem schon geeignet war, das Tumorwachstum zu stoppen. Denn das hatten sie uns versprochen. Dass er aufhören würde zu wachsen und eine Pause in seinem Zerstörungswerk einlegen würde. Dass er gut ansprechen würde, weil er so bösartig war. Ein gutartiger Tumor mit der Lokalisation wäre von vornherein ein Todesurteil gewesen, aber die Bösartigkeit und der schnelle Stoffwechsel des Tumors verschafften uns zumindest eine geringe Chance. Leider konnten sie ihr Versprechen nicht halten.

Mikas Broviac-Katheter
Mika spielt mit seinem Brovi-Doofi. Außerdem mit „schlimmster Stinker“-Aufkleber – die Medikamente führten zu schlimm riechenden Ausscheidungen.
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