Diagnose? Fehlanzeige.

Du warst inzwischen fast eine Woche auf der Intensivstation, aber der Trend ging aufwärts. Die Ultraschalluntersuchungen ließen darauf schließen, dass dein Hirndruck geringer wurde. Jeden Tag erwartete ich mit Sorge die nächste Untersuchung, sehnte sie herbei aber hatte auch Angst davor, was ich sehen würde. Der Schreck deiner riesigen Ventrikel am Freitag vor der Not-OP saß mir noch tief in den Knochen. Wegen meines Studiums weiß ich, wie ein gesundes Hirn auszusehen hat. Und das, was ich da zu Gesicht bekam, war außerhalb jeder Norm. Außerhalb dessen, was ich erfassen konnte und auch außerhalb des Bereiches von dem ich erwartet hätte, dass man so noch leben kann. Außerhalb des Erträglichen sowieso, wenn es das Gehirn des eigenen Kindes ist. Du musst so schreckliche Kopfschmerzen gehabt haben, mein tapferer Schmetterling, aber du hast keinen Mucks getan. Ich weiß nicht warum du uns deine Schmerzen nicht zeigen wolltest. Wir wären für dich da gewesen. Aber ich denke, das hast du gewusst. Dann endlich wurde es besser. Die ersten Untersuchungen nach der OP zeigten keine Veränderungen, die Ventrikel waren zwar kleiner als vorher (natürlich, war ja Hirnwasser bei der OP verloren gegangen und eine Drainage hattest du ja auch), aber sie verkleinerten sich nicht weiter. Nach ein paar Tagen ging es dann aber endlich los und die Bilder kamen wieder in die Nähe eines ‚Normalzustandes‘. Dann wurde darüber diskutiert, die Drainage zu ziehen, denn eines war klar: so lange du die hattest konntest du auf keinen Fall von der Intensivstation kommen. An einem morgen nach fast einer Woche war es dann endlich so weit. Du bekamst eim leichtes Schlafmittel und die Drainage wurde gezogen. Kurz und schmerzlos. Das Loch wurde vernäht und du warst wieder ein bisschen heiler, ein Schlauch weniger, ein bisschen bewegbarer. Alles wieder ein bisschen normaler. Die Differenzialdiagnose ließ weiter auf sich warten. Das Warten zog sich unendlich. Wir erfuhren, dass der Neuropathologe des Krankenhauses aufgegeben hatte. Er konnte das Monster nicht bestimmen. Hisste die weiße Flagge und gab auf.  Besiegt. Das Tumormaterial wurde nach Bonn weitergeschickt. In Bonn sitzt ein Referenzzentrum für Hirntumore, die sich auch mit frühkindlichen Tumoren auskennen. Schrecklich, dass es so etwas geben muss, etwas, dass es nicht geben dürfte. Kinder sollten keinen Krebs bekommen. Niemand sollte Krebs bekommen, aber Kinder schon gar nicht, die noch kaum ein Leben hatten, kaum Zeit. Nicht mal sitzen konntest du, nicht mal sprechen, nicht mal etwas essen. Aber Krebs konntest du haben. Das ist so falsch, dass es einem den Hals zuschnürt. Und auch auf Bonn mussten wir wieder warten, warten, warten. Während das Monster in dir weiter sein schreckliches Zerstörungswerk tun konnte saßen wir an deinem Bett und warteten. Stunden, Tage. Tick tack. Tick. Tack.

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