Bergauf?

Die Zeit auf der Intensivstation war, seltsam dass der Name so passt, auch emotional unglaublich intensiv. Ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Mal ging es dir etwas besser, dann ging es dir wieder schlechter. Nach etwa zwei Tagen fing die Drainage an zu lecken. Irgendwo war etwas undicht. Du verlorst unkontrollierbar Liquor. Dein Bett war 30 Grad nach oben geneigt und es war sogar eine Linie aufgezeichnet wo dein Ohr liegen sollte, damit sichergestellt war, dass dein Köpfchen nicht einfach ‚leerlaufen‘ konnte. Es ist seltsam, man denkt Hirnwasser müsste schlimm aussehen, irgendwie eklig. Aber wenn alles in Ordnung ist sieht man es kaum. Es ist farblos wie Wasser, es riecht nicht und hat keine Bedrohlichkeit. Deines war leicht rosa, wegen des Blutes von der OP, aber selbst das war nicht schlimm. Ich habe die getränkten Tücher angefasst und gewechselt und es war kein bisschen eklig. Das einzige, was mich störte, war die Veränderung deines eigenen Geruchs. Du hast nicht mehr wie ein Baby gerochen, warm und gesund und süß. Du rochst wie Pflaster und Chemie und seltsam steril. Die Medikamente waren daran schuld. Gerochen habe ich trotzdem an dir. Wir haben eine Decke aus dem Krankenhaus mitgenommen, als alles vorbei war. Sie roch nach dir. Nicht nach Baby-Mika, aber nach Krankenhaus-Mika. Und wenn das das einzige ist, was ich noch haben kann, dann nehme ich es gern, dann ist der Pflastergeruch der schönste, den ich mir vorstellen kann. Nach ein paar Tagen waren dein Schmetterlingspapa und ich unglaublich erschöpft. Zum Glück durften deine Oma und dein Opa uns ablösen, damit wir wenigstens ein Mal in der Nacht mehr als 3 Stunden am Stück schlafen konnten. Eigntlich seltsam, war ich doch wenig Schlaf gewohnt. Aber wenn die Tage so auslaugend sind, braucht man die Nacht dringender. Wir mussten verhandeln und bitten, aber irgendwann hatten sie trotz Besuchsverbots ein Einsehen und ließen deine Großeltern zu dir. Wir sind so froh, dass sie da waren. Wir hätten es ansonsten vielleicht nicht geschafft. Unsere Nerven lagen blank, wir fingen an zu streiten, wegen nichts und wieder nichts. Wegen 10 Minuten mehr oder weniger schlafen. Wegen verloren gegangenem Essen. Aus nichtigsten Gründen. Wir konnten irgendwann nicht mehr, brauchten unsere ganze Geduld und Zuneigung, die uns der Stress und die Mika Angst ließ, an dir auf. Aber das ist in Ordnung, denn du hast sie dringender gebraucht als wir. Und dann passierte es endlich, nach langen Tagen und Nächten mit besorgten Blicken auf den Monitor, nach ständigem Inhalieren, Schmerzmitteln, Antibiotika wegen steigenden Entzündungswerten, Füttern per Magensonde und immer wieder Erbrechen: die Tendenz ging bergauf. Dein Fieber sank. Dein Herz schlug langsamer. Du fingst wieder an ein bisschen zu trinken und zogst dir irgendwann die Magensonde selbst . Du kämpftest die Folgen der OP nieder, kleiner Krieger. Mein tapferer, starker kleiner Schmetterling.

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