Wünsche

Und wieder schreibe ich um den heißen Brei herum, tänzle vor und zurück, will und doch trau ich mich nicht. Man möge mir meine Drückebergerei verzeihen, aber manchmal trau ich mich nicht heran an die schlimmen Geschichten. Und die, die kommt, ist die schlimmste die es gibt. Deshalb möchte ich heute etwas zeigen, etwas das ich las und das vieles wiedergibt, was mich seit Mikas Weg in den Himmel bewegt hat. Man weiß nicht, wie man mit Menschen wie uns umgehen soll, Menschen denen das schlimmste Schicksal passiert ist, das man sich vorstellen kann. Ich hab es schon an mancher Stelle verbreitet, und das tue ich auch hier, in der Hoffnung, dass man es liest und eine ‚Anleitung‘ hat. Wir haben keinen Aussatz. Unser Schicksal ist nicht ansteckend. Wir sind nur traurig, unendlich traurig und allein. Lasst es mich erkären. Und in der Zwischenzeit werde ich Kraft sammeln für den Teil der Geschichte, der vor mir liegt.

„Ich wünschte, mein Kind wäre nicht gestorben. Ich wünschte, es wäre hier.
Ich wünsche mit, du scheust dich nicht, den Namen meines Kindes auszusprechen. Mein Kind war ein Teil meines Lebens und sehr wichtig für mich. Ich möchte hören, dass es auch für dich wichtig war. Wenn ich weine, weil du über mein Kind sprichst, dann wünschte ich, du wüsstest, dass ich nicht weine, weil du mich verletzt hast. Der Grund meiner Tränen ist, dass mein Kind tot ist.
Du hast über es gesprochen und hast mir erlaubt, meine Trauer zu teilen. Ich danke dir für beides. Ein Kind verloren zu haben ist nicht ansteckend. Ich wünsche mir deshalb, dass du mich nicht meidest. Ich brauche dich mehr als je zuvor. Ich brauche auch Ablenkung, deshalb erzähle mir von dir. Aber ich brauche auch Zuwendung, um von mir erzählen zu können. Ich mag traurig
sein und weinen, aber lass mich trotzdem über mein Kind reden – über das, was mich derzeit am meisten bewegt. Ich weiß, dass du oft an mich denkst. Ich weiß, dass auch dich der Tod meines Kindes berührt. Ich wünsche mir deshalb, dass du mich an deinen Gedanken teilhaben lässt – am Telefon, mit einer Karte, Notiz oder mit einer stillen Umarmung. Ich wünsche mir, dass du  nicht von mir erwartest, dass ich in sechs Monaten nicht mehr trauere. Die ersten Monate sind traumatisch, aber auch zum Rest meines Lebens gehört die Trauer dazu. Ich werde bis zu dem Tag, an dem ich sterbe, unter dem Tod meines Kindes leiden.
Ich arbeite hart daran, wieder ins Leben zurück zu kehren, aber ich wünsche mir, dass du verstehst, dass ich mich nie vollkommen davon erholen werde. Ich werde mein Kind immer vermissen und ich werde immer betrauern, dass es gestorben ist. Ich wünsche mir, dass du nicht erwartest, dass ich nicht mehr daran denke oder glücklich zu sein. Nichts von beidem wird einen längeren Zeitraum andauern; frustriere also bitte mit diesem Wunsch weder dich noch mich. Ich bade nicht im Selbstmitleid, aber ich wünsche mir, dass du mich trauern lässt. Ich muss mich zurückziehen, bevor ich wiederkommen und heilen kann. Ich wünsche mir, dass du verstehst, wie sehr mein Leben erschüttert wurde. Ich weiß, es ist schwierig für dich, um mich herum zu sein, wenn ich so durcheinander bin. Bitte sei so
geduldig mit mir, wie du kannst. Wenn ich sage: ‘Mir geht’s gut.’, wünschte ich, du könntest verstehen, dass ich mich nicht wirklich gut fühle, sondern jeden Tag um mein Wohlbefinden kämpfe. Bitte entschuldige, wenn ich unwirsch erscheine – das ist keine böse Absicht. Manchmal dreht sich die Welt zu schnell für mich und ich muss eine Auszeit nehmen. Wenn ich flüchte, dann wünsche ich mir, dass du mir erlaubst, einen ruhigen Platz zu finden und Zeit allein zu verbringen. Ich wünsche mir, das du verstehst, dass die Trauer Menschen verändert. Als mein Kind gestorben ist, ist auch ein Teil von mir gestorben ist. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor und ich werde auch nie wieder dieser Mensch werden. Ich wünsche mir sehr, dass du meine Trauer und meinen Verlust verstehst. Und doch: Ich bitte täglich darum, dass du mich niemals wirklich verstehen musst.“

(adaptiert nach der deutschen Übersetzung von Heike Wolter der Wünsche von The Compassionate Friends)

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4 Gedanken zu “Wünsche

  1. Ich kann sehr gut verstehen, dass ihr sehr traurig seid. Meiner Meinung nach ist dies aber auch ein Gesellschaftsproblem, da Tod und Trauer nach wie vor Tabuthemen sind. Das Sterben ist in den letzten Jahren ein wenig enttabuisiert wurden, durch Hospizarbeit und die fortgeschrittene Palliativmedizin. Aber wer kümmert sich danach um die Hinterbliebenen???Dafür gibt es meiner Meinung nach noch viel zu wenige Anlaufstellen. Vor meiner Schwangerschaft habe ich 9 Jahre als ehrenamtliche Hospizhelferin gearbeitet und habe auch eine Kindertrauergruppe mit betreut, das war für die Eltern wie auch für die Geschwister ein guter Treffpunkt um sich auszutauschen. Ich finde es gut, dass du mit eurem Blog eine Möglichkeit gefunden hast eure Geschichte und die Trauer aufzuschreiben, da ich denke verarbeiten kann man es momentan noch nicht nennen. Immer wenn ich euren Blog lese, laufen mir die Tränen die Wange herunter. Ich drück dich mal ganz fest unbekannterweise

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    1. Liebe Cornelia, ja da hast du Recht. Es ist noch immer so, dass man im stillen Kämmerlein trauern soll. Ich weiß nicht warum. Tod und Sterben sind ein fester Bestandteil des Lebens. Ich habe auch Fotos von meinem Sohn nach seinem Tod gemacht und die kommen genauso in sein Fotoalbum rein wie all die anderen Bilder. Und ja ich finde auch es gibt zu wenig Orte für Hinterbliebene, um sich auszutauschen. Das Internet hilft viel, aber ein persönlicher Kontakt und vielleicht gemeinsames Weinen hilft oft noch mehr. Ich finde es toll, dass du eine solche Gruppe betreut hast und als Hospizhelferin gearbeitet hast. Hast du eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht? Ich bin am überlegen das zu tun, weiß aber nicht genau wo. Danke, dass du unsere Geschichte liest. Ich drücke dich fest zurück.

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  2. Liebe Schmetterlingsmama, ich sehe es wie du für mich ist Tod und Sterben ebenso eine Lebensphase wie die Geburt. Nur leider macht das Thema Tod und Sterben vielen Menschen Angst, und da ist es scheinbar einfacher es zu verdrängen. In meiner Hospizarbeit habe ich es auch bemerkt, dass die Menschen leider erst sehr spät zu uns kamen, da die Verdrängung sehr gut bis dato funktioniert hat. Ich finde das sehr gut, dass du für dich einen indiviuduellen Trauerweg gefunden hast, und ich finde es auch richtig, dass du dir da nicht reinreden lässt. Zumal ich eventuell auch denke, die die deinen Weg „kritisieren“ selber noch nicht so einen Verlust erleben mussten. Und ich gebe dir recht, dass gemeinsame Weinen und der persönliche Kontakt ist für manche Trauernde der bessere Weg als „nur“ Foren im Internet. Ich habe keine Ausbildung in dem Bereich gemacht, habe eine Fortbildung zum Thema Tod und Sterben über ein halbes Jahr gemacht, was an Wochenenden und Abenden stattfanden. Auch mit Selbsterfahrungswochenende, da man auch über sich selbst genau Bescheid wissen sollte, um sich dann auch auf die Patienten adäquat einlassen zu können. Im Studium habe ich dazu auch einige Seminare besucht. Vor der Fortbildung gab es auch ein Erstgespräch und dort kam auch zur Sprache, wenn man selbst einen Sterbefall erst in der Familie hatte, sollte man empfehlungsweise 5 Jahre warten, eh man darin anderen helfen möchte. Diesem kann ich zustimmen, da du auch einen gewissen emotionalen Abstand benötigst, und da ist Zeit einfach wichtig. Aber ich finde es schön und wieder sehr stark von dir, dass du jetzt schon die Kraft hast darüber nachzudenken. Ich wünsche dir dann eine gute Nacht und drück dich ganz fest!

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    1. Liebe Cornelia,
      danke für den Zuspruch und die Infos. Gut zu wissen, dass man 5 Jahre warten soll, das wusste ich gar nicht. Aber es kommt sicher auch drauf an, in welchem Bereich genau man tätig werden will, wie weit man in seiner eigenen Trauerarbeit ist… ich kann mir vorstellen, dass manche Menschen auch nach 5 Jahren nicht so weit sind, andere dafür schon früher dazu bereit wären. Ich werde mich mal informieren.

      Alles Liebe,

      Ricarda

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