Das Auge des Sturms

Nach der Biopsie wurdest du wieder auf die Kinderonkologie verlegt. Es kannten dich inzwischen schon viele und du warst ein kleiner Star, süß wie du warst. Die Schwestern und Pfleger mochten dich gern und wer für dich zuständig war, hat dich sofort ins Herz geschlossen. Das hat sich auch hinterher so gezeigt, als du länger auf der Intensivstation bleiben musstest, schlimme OPs hattest und die Schwestern nach dir gefragt haben, noch nach dem Dienst auf Station anriefen um zu fragen ob du es gut überstanden hast oder dein Lieblingspfleger uns erzählte, dass er in der Nacht 4 Mal aufgewacht ist, weil er so viel an dich denken musste. Du hast im Krankenhaus die Herzen genauso berührt wie vorher als du gesund warst, vielleicht noch mehr. Auch die Oberärztin, die für dich zuständig war, sagte dass du ein besonderes und besonders starkes Kind warst – das wiederholte sie auch, nachdem du schon über die Regenbogenbrücke gegangen warst.

Es gab ein langes hin und her auf der Station. Jeden Tag erhofften wir uns ein Ergebnis der Biopsie, und jeden Tag wurden wir wieder vertröstet. Aber die Zeit saß uns im Nacken und man hatte das Gefühl Teil eines Wettlaufs zu sein, wo alle rennen und nur man selbst hat das Startsignal verpasst oder steckt mit einem Fuß im Morast und kommt nicht los. Am Mittwoch kam man dann auf uns zu. Man wollte dich erneut operieren. Eine Chemo musstest du bekommen, das war klar, und dafür brauchte man Equipment. Broviac-Katheter. Ommaya-Reservoir, Rickham-Reservoir. Worte, die wir nicht kannten. Was wir verstanden war, dass sie mehr Löcher in dich machen wollten, dein kleiner perfekter Körper weiter verschandelt werden musste. Und trotzdem waren wir froh, wir hatten endlich das Gefühl, etwas zu tun. Das Nichtstun und Abwarten war schrecklich und quälend, zu sehen wie du leidest und zu wissen, wie sich das Monster in deinem Kopf mehr und mehr vergrößert und nichts tun zu können. Wir ließen wieder die Aufklärung über uns ergehen, gaben wieder unsere Unterschriften, diesmal musste ich morgens sogar nichtmal kotzen, als wir dich abgeben mussten. Seltsam, wie schnell etwas so schreckliches so routiniert wird. Nur ein kleiner Eingriff, schnell vorbei, 2 Stunden mehr nicht, sagten sie uns. Natürlich hat es auch diesmal wieder länger gedauert. Natürlich mussten wir auch diesmal warten in der Angst, dass etwas schiefgelaufen war. Hatten sie doch durch dein kleines Gehirn gestochen, mussten sie wieder ein neues Loch in deinen Kopf machen. Und auch diesmal wieder der erlösende Anruf: ihr Sohn ist fertig, es geht ihm gut, wenn er wieder wach ist kann er zurück auf die Onkologie. Nichtmal Intensivstation diesmal. Du warst beduselt, aber das kannten wir ja schon. Wir waren froh, dich zurück zu haben. Streichelten deinen armen kleinen Körper, noch mehr Schläuche drin, noch mehr Löcher, noch mehr Schmerzen, Nähte und Schnitte. Wir dachten wir könnten ein bisschen Frieden haben, Zeit zu heilen, Körper und Seele, bis das Ergebnis der Biopsie fertig war. Aber das war nur die kurze Ruhe im Auge des Sturms.

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