Achterbahn

Mit klopfendem Herzen sind wir zur Intensivstation gelaufen, so schnell es eben ging. Mussten noch einen Moment im Wartebereich Platz nehmen. Wir haben uns an den Händen gehalten und gewartet, zwischen Hoffen und Bangen vor der Nachricht die uns erwartete. Endlich kam der Neurochirurg zu uns. Und er hatte gute Nachrichten: Es sei alles sehr gut gelaufen. Sie hätten einen Schnellschnitt gemacht und kleine blaue Zellen gefunden. Neuroblastom. Keine Komplikationen und wir könnten jetzt zu dir. Meine Erleichterung war unglaublich. Hatte ich doch gehört, dass ein Neuroblastom im Endstadium bei so kleinen Kindern wir dir eine sehr hohe Spontanremissionsrate hat. Habe das sogar später noch freudestrahlend deinen Großeltern erzählt. „Wir haben in unserer Situation das bestmögliche Ergebnis bekommen. Er kann es schaffen. Er hat eine Chance.“ habe ich erzählt und war fast schon trunken vor Erleichterung. Zum Glück habe ich nicht gewusst, wie falsch ich lag und wie schnell die Diagnose wieder revidiert werden würde. Aber erstmal durfen wir zu dir.

Mika nach der Biopsie
Mika nach der Biospie, noch beatmet.

Das Bild mag erschreckend sein, aber wir hatten uns weit schrecklichere Bilder ausgemalt und deshalb fanden wir dich so schön wie immer. Nach dem Aufwachen nach deinem MRT drei Tage eher war es dir sehr schlecht gegangen, du hast viel geweint und warst desorientiert. Umso friedlicher warst du jetzt. Du hast auch sehr schnell wieder begonnen selbst zu atmen. Als sie den Tubus entfernen wollten mussten wir kurz gehen, aber da hast du noch geschlafen und wir waren bei dir als du wach wurdest. Wir hatten schon begeistert allen von der „positiven“ Diagnose erzählt – spannend wie sehr man sich über eine bösartige Krebsform freuen kann – da kamen die Kinderonkologen zu uns. Und zerbrachen unsere gerade geschöpfte Hoffnung. Nein, man könne noch nicht sagen was es ist. Kleine blaue Zellen heißen nur bösartig, sonst könne man daraus keine Diagnose treffen. Der Neuropathologe müsse da das Urteil fällen. Das könne aber dauern. Mehrere Tage im schlechtesten Fall. In Wahrheit hat es hinterher noch viel länger gedauert. Weil das Monster so kompliziert war, und so selten. Diese Art Gefühlsachterbahn, die an dem Tag begann, war charakteristisch für alle weiteren Tage, die wir mit dir im Krankenhaus erlebt haben. Hoffnung und Enttäuschung, Hoffnung und Enttäuschung. Immer wieder und wieder. Zum Glück ist dein Schmetterlingspapa schon am Tag der Diagnose zu uns ins Krankenhaus eingezogen. Ich wüsste nicht, wie ich es ohne ihn und ohne die Familie hätte aushalten sollen, die ständige Angst und die Verzweiflung. Du wurdest dann für eine Nacht auf die Kinderintensivstation verlegt. Wir waren die ganze Zeit bei dir. Haben uns in 3-Stunden-Schichten abgewechselt, damit du nie allein warst und immer wenn du wach wurdest jemand bei dir war. Und es war so gut, dass wir das tun konnten. In Anbetracht der Tatsache, wie wenig Zeit wir mit dir noch haben sollten, ist jede erlebte Minute jetzt kostbarer als Gold.

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