Auf in den Kampf

Die erste OP stand an. Eine Biopsie sollte es sein. Wir wollten herausfinden, was für ein Monster in deinem Kopf wohnt, damit wir den Kampf anfangen konnten. Man schickt Ritter zu Drachen, Vampirjäger zu Vampiren und auch bei deinem Monster musste man erstmal rausfinden, was sich da im Dunkeln versteckt, um jemanden hinschicken zu können.

Mika vor der OP
Mika vor der OP. Mit der schiefen Kopfhaltung hat er die Tumorregion im Krankenhaus oft entlastet.

Ich habe dir Abends  ein Märchen erzählt, um dir zu erklären, was passieren wird. Eigentlich albern, denn du warst ja noch zu klein, um zu verstehen, aber trotzdem wollte ich, dass du nicht unvorbereitet bist. Ich habe dir erzählt, dass ein Monster in deinem Kopf wohnt. Und dass sie jetzt eine Tür machen, und schaun, was für ein Monster das ist. Dass das alles doof ist und weh tut, aber dass dann ein Zauberer eine Zaubermedizin für dich macht, um das Monster zu vertreiben. Dass die auch doof ist, weil sie verflucht ist und einem davon furchtbar übel ist. Aber dass nur so eine doofe Medizin dir helfen kann. Ich habe keine Ahnung, ob du davon irgendwas verstanden hast, aber zugehört hast du. So aufmerksam und wach wie immer. Ich werde deinen intensivem Blick und deine leuchtenden Augen nie vergessen, die du immer hattest, wenn ich mit dir gesprochen habe. Oder für dich gesungen. Ich habe diesen Blick jetzt ein paar Mal wiedergesehen, in anderen Kindern. Und es sind immer Kinder, die irgendwann sehr krank wurden. Ich glaube, dass ihr Kinder, die so etwas durchmachen müssen, etwas ganz besonderes seid. Jedes Kind ist besonders, natürlich. Jedes Kind ist ein kleines Wunder. Aber ich glaube, dass diese Kinder einen besonderen Funken haben, der ihnen hilft, ihren schweren Weg verkraften zu können.

Nach einer schrecklichen Nacht mit ständigem Aufwachen und ganz viel Angst sind wir aufgestanden, haben dich und uns fertig gemacht und dann musstest du schon in den Aufwachraum um zu warten, bis sie dich abholen. Deine Omi hatte dir einen Talisman dagelassen, ein bronzenes Oval mit einem Engel darauf. Den haben wir dir mitgegeben. Er sollte dich beschützen und dir helfen, die OP gut zu überstehen. Ich habe vor Aufregung im Aufwachraum so schlimm gekotzt, dass sie eine Psychologin geholt haben. Dann haben sie dich mitgenommen, und das war das Schlimmste. Sie hatten mir vorher gesagt, dass ich bei dir bleiben kann, bis du schläfst. Aber sie haben dich dann einfach mitgenommen. Mir gesagt, dass ich nicht mit in den Bereich darf, weil er steril ist. Und du hast so geweint, du hast das nicht verstehen können. Ich habe auch geweint, mein Mamaherz ist in tausend Stücke zersprungen, weil ich nicht bei dir sein und dir deine Angst nehmen durfte. Zu sehen wie sie dich mitnehmen und dann den Raum zu verlassen, in dem Wissen, dass du alleine warst und Angst hattest, war grauenhaft. Zu wissen, dass sie jetzt ein Loch in deinen kleinen Kopf machen, in deinem schlauen Gehirn herumschneiden. Die Angst, das etwas schief geht. Die Tatsache, dass man keinerlei Kontrolle hat über das was passiert. Und das Warten. OPs dauern immer länger als man denkt. Das ist fast ein Naturgesetz. Aber 4 Stunden werden im Gefühl zu 4 Tagen. Und jede Minute die länger ist als das, auf was man vorbereitet war, zieht sich ins Unendliche. Ist das ein gutes Zeichen? Ein schlechtes? Heißt das es ist was schiefgelaufen? Oder heißt das es ist alles gut und sie nehmen einfach mehr vom Tumor weg? Hätten sie uns schon gerufen, wenn dir etwas passiert ist? Wenn du tot wärst hätten sie uns bestimmt schon Bescheid gesagt. Oder etwa nicht? Und so haben wir bange auf den Anruf gewartet, der uns hoffentlich erlösen sollte. Und dann kam er, endlich. „Ihr Sohn ist fertig und ist auf der Intensivstation. Es hat alles gut geklappt. Er wird jetzt bald langsam wach. Sie können zu ihm.“

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2 Gedanken zu “Auf in den Kampf

  1. Ich habe gerade Tränen in den Augen. Was Du erlebt hast, tut mir einfach nur verdammt leid und wahrscheinlich kann ich es nicht mal nachvollziehen, weil ich selber keine Kinder habe… Bleib stark für Dein Schmetterlingskind.

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    1. Ich danke dir für deine lieben Worte. Ja die Intensität des Ganzen kann man erst nachvollziehen, wenn man ein Kind hatte, aber ich denke auch so kann man sich in etwa ausmalen wie es einem mit sowas geht. Ich versuch es. Ich habe es ihm versprochen, dass ich weitermache. Das Versprechen liegt unwiederbringbar in seiner Urne. Deshalb ist aufgeben keine Option.

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