Loslassen

Das Loslassen ist das Schwerste, wenn jemand stirbt. Wir wollen unsere Liebsten doch bei uns haben. Ich wollte dich doch nicht gehen lassen. Unsere Kinder sollen uns ein ganzes Leben lang begleiten. Sein Kind zu verlieren ist so widernatürlich, dass es für uns nichtmal einen Namen gibt, uns Eltern die keine Kinder mehr haben. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Aber es gibt Witwen, es gibt Waisen, aber einen richtigen Namen gibt es nicht für Menschen wie dich und deinen Schmetterlingspapa. Verwaiste Eltern werden wir genannt, in Ermangelung eines Wortes.

„Du musst bei mir bleiben, was soll ich denn ohne dich machen? Wie soll ich denn ohne dich leben? Was soll ich denn nur machen, wenn ich ohne dich nach Haus gehe? Du MUSST gesund werden. Du MUSST wieder mit nach Haus.“ Solche und viele ähnliche Sätze habe ich dir oft gesagt. Habe dich fest umarmt und dabei geweint. Mein Herz war so nah an deinem und es tat so weh. Deine Omi hat mir gesagt, dass ich sowas nicht sagen soll. Hat versucht, mir das Loslassen zu zeigen, um es dir und mir einfacher zu machen, für den Fall, dass du gehst. Ich habe viel darüber nachgedacht. Habe über einen Todesfall in meiner Familie nachgedacht, wo jemand Angst hatte vor dem Tod, Angst Menschen allein zu lassen. Ich wollte nicht, dass du Angst hast. Ich wollte, dass du frei bist. Egal wie es ausgeht, dass du wusstest, dass es gut ist. Und vor deiner ersten OP, in der Nacht im Krankenhaus, haben dein Schmetterlingspapa und ich dir das schwerste gesagt, was wir jemals über die Lippen bringen mussten. Die härtesten Worte der Welt, gespickt mit Scherben, die einem die Lippen zerschneiden. „Wir wollen dich gesund zurück haben, mehr als alles andere auf der Welt. Aber wenn das nicht geht, wenn du nicht gesund werden kannst und der Weg zu steinig und der Kampf zu schwer wird, dann darfst du gehen. Das ist in Ordnung.“ Wir haben dich zu sehr geliebt, um dich um jeden Preis festhalten zu wollen. Und wenn es auch die schwersten Worte, die schmerzhaftesten und schrecklichsten waren, die ich jemals sagen musste, so waren es doch auch die schönsten und liebevollsten, die ich jemals gesprochen habe.

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