Wegweiser

Du warst nicht getauft, kleiner Schmetterling. Wir wollten, dass du es selbst entscheiden kannst, wenn du alt genug bist – an was du glaubst und ob und welcher Glaubensgemeintschaft du angehören möchtest. Wir haben diese Entscheidung eigentlich nie in Frage gestellt. Aber an dem Samstag nach der Diagnose, dem Wochenende vor der Biopsie-OP, da wurde ich morgens mit einem schlechten Gefühl wach. Ich habe deinen Schmetterlingspapa angeschaut und ihm gesagt: „Wir müssen über etwas reden. Ich glaube ich möchte, dass Mika getauft wird. Für den Fall, dass er es sich nicht mehr selber aussuchen kann.“ Ich wollte, dass du weißt, wohin du gehst, für den Fall, dass dass du den Kampf verlieren solltest.

Taufe Mika
Mika auf dem Weg zur Taufe

Ich weiß nicht, wo dieser Gedanke herkam. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass er nicht von allein kam, sondern dass jemand wollte, dass du getauft wirst. Ich bin nicht gläubig genug gewesen, als das der Drang aus mir selbst gekommen sein könnte. Glaube ist Opium fürs Volk, habe ich gesagt. Ich habe mich selbst immer als Agnostikerin bezeichnet. Und trotz all meiner Skepsis war das Gefühl so stark, so dringlich. Wir haben unseren Pfarrer angerufen, jenen netten Mann, der uns getraut hat. Leider war er im Urlaub. Aber die Klinik hatte eine sehr freundliche Pfarrerin zur Verfügung, die kam und sich unsere Not und unserer Wünsche anhörte. Dein Taufspruch musste gefunden werden. Wir hatten uns ja nie damit auseinander gesetzt, solltest du dir doch alles selbst wählen. Aber deine Omi hat gefragt, ob sie einen vorschlagen darf, und sie hat den schönsten und passendsten Taufspruch der Welt für dich vorgeschlagen. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen – du bist mein.“ Dein Schmetterlingspapa und ich haben beide geweint und wir wussten sofort, dass es der richtige ist. Er hat tief in uns etwas zum Schwingen gebracht. Die Pfarrerin hat innerhalb einer Stunde einen Gottesdienst erarbeitet. Wir haben niemanden eingeladen, war es doch eine Nottaufe. Der Besuch, der gerade da war, wurde mit dazu gebeten. Taufpaten wurden dein Onkel und deine Tante. Es war die traurigste Taufe der Welt. Aber du warst ganz ruhig. Du warst bei uns auf dem Schoß und hast dir alles aufmerksam angehört. Hast nicht geweint, als du Wasser auf den Kopf bekamst, du fandest alles schön und interessant. Du hattest einen guten Tag und deine Beschwerden hielten sich in Grenzen. Nicht ein einziges Mal hast du erbrochen während der Zeremonie. Ich fühlte mich erleichtert, nachdem du getauft warst. Eine wunderschöne Taufkerze hast du bekommen, eine mit einem Regenbogen darauf. TaufkerzeDer Regenbogen als Gottes Versprechen, dass er uns nicht allein lässt. Und im Regenbogen solltest du dich mir zeigen, nachdem alles vorbei war. Aber davon will ich ein anderes Mal erzählen. An diesem Tag habe ich wieder begonnen zu beten. Ich habe gebetet wie nie zuvor in meinem Leben. „Bitte mach ihn gesund. Bitte mach ihn gesund. Bitte mach ihn gesund.“ Wie ein Mantra, jeden Abend vor dem Schlafengehen. Ich wusste ja nicht, dass das nicht möglich war, dass es schon feststand, wie dein Weg sein sollte. Die Wegweiser schon gesetzt waren. Und am Ende, als es immer schlimmer wurde mit dir habe ich gebetet: „Wenn er schon nicht gesund werden kann, dann lass ihn bitte schnell sterben. Lass nicht zu, dass er sich quälen muss.“ Wenigstens dieser Wunsch wurde mir erfüllt.

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