Freier Fall

Nachdem wir die Hiobsbotschaft bekommen hatten, wurden wir in den Besprechungsraum gebeten. Ich weiß nicht, warum sie es uns nicht in deinem Zimmer sagen wollten. Warum sie den Namen noch nicht aussprechen wollten. Wir sind hinterhergelaufen, mir war schlecht vor lauter Angst. Wir mussten uns setzen, alles hat gefühlt schrecklich lange gedauert. Stühlerücken, betretene und besorgte Blicke, räuspern. Drei Ärzte und eine Schwester. Und wir. Ich habe mit flehendem Blick von einem zum anderen gesehen, gedacht: bitte sagt mir, dass es nichts schlimmes ist. Habe die ganze Zeit auf ein erlösendes Wort gehofft. Irgendwas von wegen: eine Zyste. Eine Entzündung. Irgendwas, was sich wieder in den Griff kriegen lässt. Die Worte: machen sie sich keine Sorgen, das ist jetzt erstmal schlimm anzuschaun, aber wir kriegen das wieder hin. Und dann haben sie es ausgesprochen: „Ihr Sohn hat einen Hirntumor.“ ATRT HirntumorIch bin zusammengebrochen. Die Schwester gab mir Wasser, dein Schmetterlingspapa versuchte konzentriert zuzuhören was gesagt wurde. Mit einem Ohr habe ich auch zugehört, ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Ich habe Fragen gestellt: bösartig? Wo? Warum? Wie groß? Was heißt das jetzt? Was kann man machen? Ist das ein Todesurteil? Die Ärzte haben so gut es geht auf alles geantwortet, aber meist hieß die Antwort: wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was genau das ist. Sitzt im Kleinhirn. Wir wissen nicht, ob es bösartig ist, aber wir glauben es. Zu groß um noch gutartig zu sein. Wir wissen nicht, was jetzt gemacht werden muss. Chemo ja, aber welche? Ein MRT sollte gemacht werden, unter Narkose. Genauer nachschauen. Das war Freitag. Biopsie angesetzt für Montag. Wir mussten Aufklärungsgespräche machen, Unterschriften leisten. Die Erinnerungen an diesen Tag sind sehr bruchstückhaft. Wir haben deine Familie informiert, alle haben so geweint kleiner Mann. Alle hatten so viel Angst um dich. Ich habe dich umarmt und gestreichelt und nur noch geweint. Was sollte ich nur ohne dich machen? Was sollte ich nur machen, wenn ich ohne dich wieder aus dem Krankenhaus gehen müsste? Wir waren verzweifelt. Haben Artikel gelesen. Welchen Krebs gibt es bei Kindern? Welche Prognosen haben die Krebsarten? Gibt es überhaupt eine Chance? Das konnten sie uns nämlich nicht sagen. Haben neue Worte gelernt. Neuroblastom. Medulloblastom. Hin- und herüberlegt. Blinder Aktionismus. Ich wollte so gern hören: ja es gibt eine Chance. Sie ist vielleicht klein, vielleicht nur 20%, vielleicht nur 5%, aber sie ist da. Wir haben uns gefühlt wie im freien Fall, nur der Zeitpunkt des Aufschlags auf dem Boden stand noch nicht fest. Und dazwischen du, mein tapferer kleiner Krieger. Der so krank war, und doch so stark. Wir haben dich so verzweifelt geliebt. Ich hab mir so gewünscht, dass du eine Chance hast. Aber du hattest keine. Es war ein Kampf gegen Windmühlen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Und so haben wir weiter gehofft. Mika schlafend im Krankenhaus

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