Lieder

Eigentlich müsste ich langsam hin zu dem kommen, was schlimm ist. Aber ich trau mich nicht. Ich tänzle um das Thema herum, wie um ein Feuer. Komme ihm mal näher und mal entferne ich mich. Bloß nicht zu nah, bloß nicht verbrennen. Und auch heute betrachte ich es nur aus der Ferne, wo es zwar auch Angst macht, aber noch nicht so heiß ist, dass die Haut aufspringt und die Haare Feuer fangen. Deshalb will ich heute von der Musik erzählen. Du hast eine besondere Beziehung zur Musik gehabt, kleiner Schmetterling. Deine Schmetterlingsmama singt viel und laut. Im Auto, zur Musik. Damit hast du dich entwickelt, in meinem Bauch. Hast es sicher manches Mal gehört. Wie du es gefunden hast weiß ich nicht, denn reagiert hast du darauf damals noch nicht. Irgendwann, als du dann da warst, habe ich begonnen für dich zu singen. Erst Schlaflieder. Laa, lee, luu, Guten Abend, gute Nacht. Du warst immer ganz ruhig, wenn ich für dich gesungen habe. Manchmal haben wir auch getanzt, zusammen. Du auf dem Arm oder im Tragetuch und ich zur Musik aus dem Radio. Das hat dir gut gefallen. Manchmal, wenn du schlecht gelaunt warst hat dir singen und tanzen geholfen. Später kamen dann mehr Lieder dazu, denn mir sind immer mehr wieder eingefallen. Hoppe hoppe Reiter, da musstest du immer grinsen. Häschen in der Grube. Die alte Moorhexe. Ein Mann der sich Kolumbus nannt. Kinderlieder, aber auch Erwachsenenlieder. I see fire, Glücklich, Phänomenal egal.  Deine Omi hat ‚Wie das Fähnchen auf dem Turme‘ für dich gesungen, ganz schief, und du fandest es toll. Das war dein Lieblingslied später. Das und Pippi Langstrumpf, was du erst kurz vor dem Krankenhaus kennen gelernt hast. Du wurdest immer ganz ruhig und hast zugehört. Und wenn dir ein Lied gefallen hat oder du schon wusstest, dass du es kennst und magst, hast du gelächelt. Ganz entspannt und freudig warst du. Auch dein Opa hat für dich gesungen, auf der Intensivstation, in der Nacht und am Tag. Du selbst warst auch ein Kind der Töne. Du hast nicht gebrabbelt, nicht wie andere Kinder in deinem Alter. Du hast Töne gemacht. Hmmmmmm gesummt. Gebrummelt wie ein kleiner Bär. Geknurrt hast du zuletzt, und wir haben zurück geknurrt. Das fandest du toll. Die Musik hat uns verbunden, bis zuletzt. Als du nicht mehr viel spielen konntest, weil du zu schwach und müde warst, habe ich für dich gesungen. Leise und laut. Manchmal fröhlich und manchmal mit einer Stimme, die immer wieder gebrochen ist, einfach nicht funktionieren wollte, weil die Augen schon übergelaufen sind vor Schmerz. Bis zum Ende hast du es geliebt. Als die zwei Clowns dich besucht haben und für dich gesungen haben zur Gitarre, hast du ganz genau gelauscht, so ernst, dass alle um dich herum sehr beeindruckt waren, denn das Lied war ein langes. Und auch als du gehen musstest, habe ich gesungen. Dich in meinem Arm gewiegt und gesungen, während du dich auf den Weg gemacht hast. Ich habe meinen ganzen Schmerz in diese Lieder gesteckt und ihn so in etwas Schönes umgewandelt. Auch auf deiner Beerdigung haben wir für dich gesungen. Hallelujah. Alle zusammen. Und ich bin sicher, du hast zugehört, ich war extra laut für dich. Und auch jetzt singe ich. Ich weiß, manchmal sitzt du dann irgendwo und hörst zu. Und ich weiß manchmal lächelst du mich dann an, mit deinem liebenswerten, zahnlosen Lächeln. Auch wenn ich es nicht mehr sehen kann. Mikas Lächeln

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