Nahrung und Nähe

Wir hatten eine tolle Stillbeziehung, wir zwei. Aber sie war nicht ganz ohne Startschwierigkeiten. Denn aller Anfang ist schwer und es tat weh ohne Ende. Du hast es immer prima gemacht, wusstest genau wie du zupacken musst und warst so vorsichtig wie du konntest. Gierig zwar, aber auch sehr zärtlich. Aber ich war einfach noch nicht dran gewöhnt. Meine Hebamme hat mir hinterher irgendwann verraten, dass sie sich nicht sicher war, ob es bei uns klappen würde. Aber wir haben durchgehalten. Wunde Stellen eingecremt, Stilltee und Malzbier getrunken, und immer weitergemacht. Du armer Junge musstest am Anfang so viel Geduld haben mit mir. Mein Milchspendereflex ließ sich einfach nicht auslösen und du hast manchmal 10 Minuten gearbeitet, bis ich dir etwas nennenswertes geben konnte. Aber geduldig warst du ja bis zum Schluss. Und Übung macht den Meister, das haben wir gelernt. Mal wollte die eine Seite nicht, dann die andere nicht, aber zusammen haben wir es geschafft. Nach 2 Monaten waren die Schmerzen weg und es pendelte sich langsam alles ein. Wir haben gestillt wo und wann wir wollten. In Meetings im Büro, im Kaufhaus, im Restaurant, im Garten, im Auto, zu Hause im Bett, es war uns ganz egal. Es war Abends immer so schön, wenn du dich an meiner Brust entspannt hast und langsam in den Schlaf geglitten bist. Du hast dich ganz sicher gefühlt. Und ich hatte dich so nah bei mir. Wir waren zwei Teile eines Ganzen.

So wenig ich es will, so kommen wir in deinem Leben langsam immer wieder zu der Zeit, in der es nicht mehr schön war. Noch will ich nicht ganz dahin, nicht alles beschreiben, aber ich will davon erzählen wie schlimm es war, dich nicht mehr stillen zu können. Mein armer, armer Junge, wir waren so traurig wir beiden. Das Monster in deinem Kopf hat dich nicht mehr gelassen. Von einem Tag auf den anderen nicht. Du musstest so schlimm spucken. Ich musste abpumpen, habe Tag und Nacht gepumpt damit die Menge nicht zurück geht. Ich wollte doch da sein für dich, wenn du wieder gesund wirst. Es hat mir so weh getan, dass es nicht mehr ging, obwohl du und ich beide so gern wollten. Ernährung hatte bei uns so viel mit Nähe zu tun. Wieder sitze ich hier und die Tränen laufen nur so, wenn ich daran denke. Manchmal musstest du schon brechen, wenn du nur eine Brust gesehen hast. Der Terrorist in deinem Kopf war so grausam. Am Ende habe ich nichtmal 10ml mit der Flasche in dich herein bekommen. Auch eine Magensonde half nichts. Du hast gebrochen und gebrochen, bis nur noch Blut kam. Von einem Tag auf den anderen war unsere herrliche Stillbeziehung zertrümmert. Unsere Symbiose zerschlagen. Mit großer Gewalt zerstört. Bis zum Ende habe ich alles versucht für dich, aber nichts hat geholfen. Sie haben mir hinterher Tabletten gegeben, gegen die Milch, als alles vorbei war. Mein Körper wollte nicht akzeptieren, was mein Kopf nicht verstehen konnte: du warst weg. Die Milch, die für dich sein sollte, und die ich so sorgsam gepflegt hatte, war einfach überflüssig. Sinnlos. Ich habe dort gesessen, mit meiner vollem Brust und meinem leeren Herz, und es war so, so schwer. 14 lange, schmerzvolle und grausame Tage hat es gedauert, bis es vorbei war. Aber ganz am Ende, haben wir dem Monster nochmal den Finger gezeigt. Denn ich habe dir noch etwas von deiner Milch mitgegeben. Du hast etwas mit in dein neues zu Hause genommen, unter deinen Baum. Wenigstens das konnte ich noch für dich tun.

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