Zwischen Traumgeburt und Geburtstrauma

Du solltest laut aller Berechnungen am 13.02.2015 zur Welt kommen. Hätte man mich ein Jahr vorher gefragt, wie ich ein Kind zur Welt bringen möchte, hätte ich aus tiefster Überzeugung gesagt: geplanter Kaiserschnitt. Wie schlecht ich mich da doch selbst gekannt habe. Ich habe mich während du in mir gewachsen bist ganz viel damit auseinandergesetzt, wie du auf die Welt kommen sollst, und vor allem wo. Ich habe viele Dinge gelernt. Zum Beispiel, dass du durch einen Kaiserschnitt ein höheres Risiko hast, Asthma und andere Probleme zu bekommen. Oder dass eine PDA nur bedeutet, dass ich weniger Schmerzen mehr habe. Du aber hast mehr, weil meine Endorphine fehlen, um dir zu helfen. Ich habe überlegt, gegrübelt, und eine Entscheidung getroffen. Im Geburtshaus solltest du kommen, ganz natürlich, ohne viel Schnickschnack. Ohne Ärzte, ohne Zeitplan, ohne Druck. Geborgen und schön. Ich habe die möglichen Konsequenzen gekannt, aber ich habe in dich und mich tief vertraut. Ich habe dem Termin entgegen gefiebert. Pflichtbewusst habe ich am 13. um 22 Uhr meine erste Wehe gehabt. Die erste von sehr, sehr vielen. Du hattest nämlich Zeit, kleiner Schmetterling, und mein Körper wollte sich auch Zeit nehmen. Die Wehen kamen und gingen. Mal alle 15 Minuten, mal alle 8, mal alle 5. Geschlafen habe ich nicht viel. Deine Hebamme kam, wir waren Baden und entspannen. Der Muttermund wollte einfach nicht aufgehen, ich wollte dich noch nicht loslassen. Der Samstag kam und ging. Deine Hebamme kam und ging wieder. Die Wehen wurden immer stärker. Mal alle 7 Minuten, mal alle 4. Ich habe Nachts das Haus zusammegeschrien. Am Sonntag morgen um 5 Uhr war meine Kraft zu Ende – so dachte ich. Unsere Hebamme sagte: nicht aufgeben. Wir treffen uns, und dann sehen wir. Um halb 7 waren wir im Geburtshaus. Dein CTG war in Ordnung, du warst so stark! Über 30 Stunden Wehen hast du weggesteckt wie einen Waldspaziergang. Wir sind wieder baden gegangen. Ich habe geschrien, geweint, war verzweifelt. Wusste nicht, wie ich weitermachen soll. Dachte ich bin am Ende. Dann kam das Ergebnis: 8cm hatten wir geschafft. Über Nacht passiert. Ich habe wieder geweint, diesmal vor Erleichterung. Ich wusste, du bist bald da. Du bist auf dem Weg. Dein Schmetterlingspapa hat getan was er konnte, um uns zu helfen. Am Ende mussten wir aus der Wanne raus, weil ich nicht wusste wie ich dir raushelfen sollte. Positionswechsel nach Positionswechsel. Zwei Meter laufen, unter den Wehen auf die Knie fallen. Becken kreisen lassen, Raum schaffen. Dann zum Geburtsraum. Vor dem Bett auf die Knie fallen. Ich konnte dich schon fühlen! Noch 3, noch 2, noch eine Wehe. Und dein Kopf war da! Du hast kurz gequakt, wusstest du doch nichts damit anzufangen, dass dein Kopf nun frei war und der Rest noch gefangen. Eine letzte Wehe. Und du warst da. Ich habe dich zwischen mir hervor geholt, vor mich gelegt. Dich bewundert. Du warst so schön! So wunderschön. So klein und so perfekt. Du hast nicht geweint, nicht eine Sekunde. Du hast dir das Fruchtwasser aus den Augen geblinzelt und uns angeschaut, mit deinen traumhaft blauen Augen. Wo warst du da? Du wolltest sehen, bei wem du gelandet bist. Als wir dann auf dem Bett lagen, du auf meinem Bauch, recht weit unten weil deine Nabelschnur sehr kurz war, hast du deinen Kopf gehoben und mich angeschaut. Direkt nach deiner Geburt hattest du dafür noch Kraft. Dein Schmetterlingspapa hat deine Nabelschnur durchgeschnitten, nachdem sie auspulsiert war, unser gemeinsamer Kreislauf nicht mehr gebraucht wurde, weil du jetzt mehr du warst und weniger ein wir. Dein Papa hat geweint, als er dich sah. Er hat dich so geliebt mein Schmetterling. Er hat sich so gefreut, dich kennenzulernen. Kurz danach hattest du das erste Mal Hunger. Es fühlte sich alles trotz der Schmerzen so gut und so richtig an. Du warst bei mir, in meinem Arm. Da wo du sein solltest. Entspannt und geborgen warst du, weil du die Liebe spüren konntest, die dich von allen Seiten umfangen hat. Die Geborgenheit in mir wurde ersetzt durch einen Kokon aus Liebe, mit dem wir dich umsponnen haben, von der ersten Sekunde bis zur letzten.

Mika nach der Geburt

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